Ausgabe 27-29, 30. Juni bis 20. Juli 2018

Menschengemacht und sündengesteuert: Tod auf dem Schlachtfeld, wie im syrischen Krieg (Bild aus Aleppo, 2016). (Foto: mil.ru)Menschengemacht und sündengesteuert: Tod auf dem Schlachtfeld, wie im syrischen Krieg (Bild aus Aleppo, 2016). (Foto: mil.ru)

WEISHEIT 1,13–15; 2,23–24
Gott hat den Tod nicht gemacht
und hat keine Freude am Untergang der
Lebenden.
Zum Dasein hat er alles geschaffen,
und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt.
Kein Gift des Verderbens ist in ihnen,
das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde;
denn die Gerechtigkeit ist unsterblich.
Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen
und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.
Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt,
und ihn erfahren alle, die ihm angehören.

Einheitsübersetzung

«Meister der Weisheit, woher kommt der Tod?»

Wann sollte man sich Gedanken über den Tod machen? Mitten im Sommer könnten solche Themen stören. Traditionell ist der November für so etwas besser geeignet. Mitten im Sommer des Lebens möchte man wohl lieber über Genuss und Schönheit nachdenken. Könnte die Erinnerung an das Thema Vergänglichkeit nicht vielleicht die Heiterkeit trüben wie ein Sommergewitter den Badetag? Vermutlich aber ist es zu spät, erst im Lebensnovember an den Tod zu denken. Denn es geht dabei nicht nur um das Ende. Es geht vielmehr um die Frage, was im Leben zählt. Wenn man Einsicht und Glück hat, bleibt einem Zeit für gewisse Korrekturen. Versuchen wirs auf eine spielerische Weise.

«Woher kommt der Tod?» Das ist die Frage, die einige Schüler an den grossen Meister der Weisheit herangetragen haben – sagen wir nicht, weil sie zu faul waren, selbst zu denken, sagen wir, weil sie seine Meinung zu schätzen wussten und lernen wollten. Und dieser Meister liess sich nicht lange bitten und provozierte seine Schüler heftig, auf dass sie selber zu denken begannen – hoffentlich: «Gott hat den Tod nicht gemacht, der Tod ist das Werk des Teufels!»

Mit seiner provozierenden Meinung wagt sich der Meister der Weisheit ohne Angst in die Arena des Denkens, und es dauert nicht lange, bis widersprechende Geisteskämpfer auftauchen. Da tritt der hl. Franziskus auf und sagt, es sei Unsinn, den Tod in die Sphäre des Teufels zu schieben. Wenn er recht darüber nachdenke, dann sei der Tod ein Teil des Lebens und deshalb eben von Gott gemacht. «Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.» Und Unterstützung erhält er durch den Psalmisten, den auch Joseph Haydn in seinem Werk «Die Schöpfung» zitiert (Ps 104,29): «Verbirgst du dein Gesicht, so sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde.» Aber natürlich kann sich der Weisheitslehrer auf den biblischen Schöpfungsbericht abstützen, der mindestens das Wissen um den Tod als Folge der Sünde bezeichnet. 

Schon lange sind auch die Querdenker im Spiel, die behaupten, das Leben erhalte seinen Wert erst durch die Endlichkeit, also den Tod, ja individuelles Leben würde überhaupt erst durch die Sterblichkeit ermöglicht. So geht der philosophische Diskurs weiter – und bleibt dennoch theoretisch und folgenlos.
Ich rate uns, die Ebene zu wechseln und von den Auswirkungen her unser Verständnis von Tod zu überdenken: Der Tod am Ende eines erfüllten Lebens ist etwas grundsätzlich anderes als der Tod auf dem Schlachtfeld, im Dürregebiet, im Konzentrationslager. Dieser schlimme Tod ist menschengemacht und sündengesteuert. Der Weisheitslehrer könnte Recht haben, wenn er ihn auf das Werk Diabolos, des Teufels, der alle Ordnung durcheinander bringt, zurückführt. Wo Menschen und andere Kreaturen entwertet werden, nur noch Kostenfaktoren, Rohstoffe oder vernachlässigbare Kollateralschäden einer ge­fräs­­sigen Wirtschaft sind, da gehört der Tod bekämpft, der mit gefühlloser Grausamkeit die Ordnung Gottes zerstört. Das nennen wir Sünde.

An diesem Punkt bekommt der Ruf des Weisheitslehrers aktuelle und jede/n von uns persönlich betreffende Konsequenz. Immer wieder, offen oder verdeckt, werden auch wir harmlose Menschen, die ohne Krieg und Ausbeutung auskommen möchten, vor die Frage gestellt, ob wir uns wirkungsvoll auf die Seite des Lebens stellen wollen, Partei ergreifen gegen Unrecht und Missbrauch, oder ob wir lieber unsere Augen zumachen, den kleinsten Preis, unsere Ruhe und unsere Privilegien suchen. 

Fazit unseres Nachdenkens: Es könnte gut sein, dass wir unseren eigenen Tod nicht akzeptieren, dafür aber den Tod des (oft unsichtbaren) Mitmenschen geschlossenen Auges in Kauf nehmen. Erst die Liebe zum Leben in all seinen Formen macht den Tod akzeptabel, den eigenen wohlgemerkt.

Ludwig Hesse, Theologe,
Autor und Teilzeitschreiner,
war bis zu seiner Pensionierung
Spitalseelsorger im Kanton Baselland


 

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