Ausgabe 12, 17. bis 23. März 2018

Vertrauensvoll und begleitet: So schildert das Alte Testament das Glaubensverhältnis zwischen Gott und seinem Volk. (Foto: Jorma Bork/pixelio.de) Vertrauensvoll und begleitet: So schildert das Alte Testament das Glaubensverhältnis zwischen Gott und seinem Volk. (Foto: Jorma Bork/pixelio.de)


JEREMIA 31, 31–34
Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn –, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schliessen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war – Spruch des Herrn.
Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schliesse – Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein.
Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, Klein und Gross, werden mich erkennen – Spruch des Herrn. Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

(Einheitsübersetzung, gekürzt)


Erwachsen glauben

Was für ein schönes Bild. Gott, der die Israeliten bei der Hand nimmt. Die sich in einer prekären Situation befinden, in der Sklaverei, in Unfreiheit. Da kommt Gott, nimmt sie bei der Hand und führt sie hinaus.

Wer wünscht sich das nicht immer wieder in schwierigen Situationen? Einfach voller Vertrauen alles abgeben, sich abnehmen lassen, sich führen lassen – aus der schwierigen Beziehung, aus der Ausbildung, die einen anödet, aus dem anstrengenden Job. Alles hinter sich lassen, herausgeführt werden. In die Freiheit.

Wenn es denn so einfach wäre. Es ist die kindliche Seite in uns, die solche Wünsche hat. Und die sind auch berechtigt. Sie sind da, und immer wieder melden sie sich und möchten erfüllt werden.

Doch es ist nicht so einfach. Vom gebrochenen Bund ist die Rede. Die Freiheit wurde missbraucht. Das Kind kommt in die Pubertät und will frei sein von den Regeln, den Gesetzen, den Vorschriften, die dieser Bund mit sich bringt, von allem, was scheinbar einengt. Es emanzipiert sich, will erwachsen sein, selber entscheiden. Das geht nicht ohne Bruch. Nicht im wirklichen Leben, wenn aus Kindern Erwachsene werden, und auch nicht im Glaubensleben. Der Kinderglaube will erwachsen werden und dazu muss einiges «Alte» abgeworfen werden, wie eine zu eng gewordene Haut, ein Kleidungsstück, aus dem ich rausgewachsen bin.

Was nun? Am Kinderglauben festhalten und doch immer mehr feststellen, dass er nicht mehr passt? Den Glauben aufgeben? Weil es früher ja besser, einfacher war?

Wie wird der Glaube erwachsen? Brauche ich einen neuen Glauben – wie ein neues Kleidungsstück? Oder lässt sich der zu klein gewordene Kinderglauben umändern?

Da macht Gott ein Angebot. Einen neuen Bund bietet er an. Sein Gesetz, das er ins Herz hineinlegt. Hineinschreibt. Dieses Bild erinnert mich an das französische Wort für «auswendig lernen»: «apprendre par cœur». Was mir ins Herz hineingelegt wird, was ich durch das Herz lerne, das ist mir lieb und teuer. Das verliere ich nicht wieder, das gebe ich nicht auf. Das ergreift mich im Innersten. Welches ist nun sein Gesetz, sein neuer Bund?

Als Christinnen und Christen glauben wir: Jesus Christus ist derjenige, der den neuen Bund mit uns schliesst. Und sein Gesetz, das er uns ans Herz legt, ist das Liebesgebot. Nicht mehr und nicht weniger. Damit kann der Glaube erwachsen werden.

Erwachsener Glaube. Das ist Vertrauen trotz und mit allen Erfahrungen, die ich in meinem Leben schon gemacht habe. Das ist ein Ja in Freiheit zu dem Gott, der mir immer wieder anbietet, dass er mit mir geht, mich begleitet. Der Gott, der eine persönliche und reife Beziehung zu mir haben möchte. Und dem ich immer wieder neu antworten kann und darf. Um dann in dieser Beziehung und aus dieser Beziehung heraus leben und verantwortungsbewusst handeln zu können. In Freiheit. Gott erkennen, das meint, dass ich mehr und mehr erkenne, wie ich mein Leben nach ihm ausrichten und handeln kann, wie es Gottes Willen entspricht. Das tun, was dem Leben dient, in jeder Beziehung, in der ich lebe.

Und immer wieder auch Vertrauen haben und die Hand in die Hand dessen legen, der mich begleitet. In aller Freiheit.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin in der Pfarrei Heiliggeist, Basel

 

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