Ausgabe 4, 20. bis 26. Januar 2018

Nicht immer sind Weg und Richtung eindeutig, und manchmal braucht es mehr Mut, eine Entscheidung zu revidieren, als auf dem einmal gewählten Weg weiterzugehen. (Foto: Peter von Bechen/pixelio.de)Nicht immer sind Weg und Richtung eindeutig, und manchmal braucht es mehr Mut, eine Entscheidung zu revidieren, als auf dem einmal gewählten Weg weiterzugehen. (Foto: Peter von Bechen/pixelio.de)



JONA 3, 1–5.10
Das Wort des Herrn erging an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die grosse Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine grosse Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Gross und Klein, zogen Bussgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.

Einheitsübersetzung


Umkehren, ohne das Gesicht zu verlieren

Wie oft mag uns ein Entschluss reuen, den wir gefasst haben? Wie oft mag uns nicht wohl sein mit einer Entscheidung, die wir getroffen haben? Und wie verhalten wir uns dann? Es mögen kleine, im Rückblick unbedeutende Entscheidungen sein, mit denen wir konfrontiert sind, es mögen grosse Entscheidungen von unabsehbarer Tragweite sein, die wir gefasst haben und dann doch ­irgendwo spüren: es ist nicht so gut, wie wir es zu Beginn angenommen haben; diese Entscheidung weiterzuverfolgen, kann auf Dauer nicht gut gehen oder sogar grosses Unheil herbeiführen.

Beispiele gäbe es zahlreiche: Der Verein, dem ich beitrete, der mir grosses Engagement abfordert und wo ich ziemlich schnell merke: Das übersteigt meine Kraft und meine Leistungsfähigkeit – mag ich mich da wieder ausklinken, nachdem ich zugesagt habe?

Die Lehrstelle, die jemand annimmt, obwohl die Begabung und die Neigung ihn oder sie irgendwo anders hinziehen; allein, es ist vernünftig und der Vertrag ist schon unterschrieben – also ziehe ich es durch.
Die Beziehung, die mit der Hochzeit öffentlich und dauerhaft besiegelt werden soll, und dann ist sich der Partner oder die Partnerin vielleicht gar nicht mehr so sicher – aber das Ja ist gesagt, und wer will das wieder zurückziehen?

Grosse und kleine Entscheidungen, bei denen wir uns nicht hundertprozentig sicher sind oder sogar deutlich spüren, dass es nicht gut gehen kann – wie verhalten wir uns da?

Eine grosse Angst, die uns doch umtreibt, ist die, das Gesicht zu verlieren. Als inkonsequent oder unzuverlässig dazustehen. Lieber als das, beissen wir die Zähne zusammen und ziehen die Sache durch, auf Biegen und Brechen.

Das muss so nicht sein. Und der Schrifttext gibt uns da gute Hilfen.

Zum einen ist da die Bevölkerung von Ninive. Die Zerstörung wird ihr angedroht, die Zerstörung einer ganzen grossen Stadt. Doch die Leute von Ninive nehmen sich den Buss­aufruf des Propheten Jona zu Herzen. Sie halten nicht daran fest, sich weiterhin böse zu verhalten. Sie kehren um. Sie ändern sich alle miteinander.
Doch die überraschendste Aussage steht für mich im letzten Satz des Abschnitts: «Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.»

Da wird Gott genau die Verhaltensweise zugeschrieben, die uns oft so schwer fällt: Entscheidungen zu revidieren, die Unheil nach sich ziehen, und zu erkennen, dass das Heil woanders liegt. Natürlich ist es sehr menschlich vom Autor des Jonabuches gedacht, Gott diese Verhaltensweise zuzuschreiben. Aber es ist denkbar. Gott reute es. Er verliert nicht sein Gesicht. Er erkennt, dass im anderen Verhalten mehr Heil liegt als im Unheil, das er angedroht hat. Und handelt entsprechend, indem er die Stadt verschont.

Wenn wir immer wieder darauf schauen: Wie gross ist das Heil oder auch das Unheil, das von unseren Entscheidungen ausgehen kann, und unsere Entschlüsse immer wieder dahin gehend neu anschauen, dass das Heil grösser ist als das Unheil, dann müssen wir keine Angst haben, unser Gesicht zu verlieren, auch wenn wir Entscheidungen zurücknehmen. Das ist Umkehr.

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin in der Pfarrei Heiliggeist, Basel

 

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