Ausgabe 46, 11. bis 17. November 2017

Vielleicht begegnet uns die Weisheit im Gesicht eines alten Menschen oder in der Frage eines Kindes? (Foto: urulaia/pixelio.de) Vielleicht begegnet uns die Weisheit im Gesicht eines alten Menschen oder in der Frage eines Kindes? (Foto: urulaia/pixelio.de)


WEISHEIT 6,12–16
Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; wer sie liebt, erblickt sie schnell, und wer sie sucht, findet sie. Denen, die nach ihr verlangen, kommt sie zuvor und gibt sich zu erkennen. Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, er findet sie vor seiner Türe sitzen. Über sie nachzusinnen, ist vollkommene Klugheit; wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei. Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt ihnen entgegen bei jedem Gedanken.

Einheitsübersetzung


Ein Blick für die Welt und ein Herz für Gott

Eine Weisheit, die einfach auf meiner Türschwelle sitzt? Ich weiss nicht, wie es auf anderen Türschwellen aussieht – auf meiner sitzt und geht alles Mögliche, aber die reine Weisheit ist selten dabei. Wie sieht diese Weisheit überhaupt aus? Wie klingt sie? Wie fühlt sie sich an? Ja, bevor ich die Tür öffne und nach ihr Ausschau halte, sollte ich mir wohl bewusst werden, was Weisheit überhaupt ist. Was verbirgt sich hinter diesem schillernden Begriff, der so eindeutig klingt und doch so vieldeutig ist? Erfahrung, Wissen, Klugheit, Unschuld, Souveränität, Gerechtigkeitssinn, Humor, Liebe – so vieles spielt eine Rolle, wenn es um Weisheit geht. Und doch ist die Weisheit mehr als die Summe all dessen. Sie hat eine eigene Qualität.

Für den antiken Menschen des alten Orients hat Weisheit vor allen Dingen etwas mit Wissen und Verstehen zu tun. Es braucht ein aufmerksames Auge für die Welt und ihre Gesetze; gleichzeitig aber auch das Wissen darum, dass das eigene Verstehen Grenzen hat, weil diese Welt Gottes Welt ist – eine von Gott ersonnene und erschaffene Welt. Der grosse König Salomo ging in die Geschichte ein als der «weise König». Er will nicht einfach nur Macht ausüben, sondern ein guter König sein, ein gerechter und weiser König. Im Traum bietet ihm Gott die Erfüllung eines Wunsches an. Und Salomo wünscht sich weder unfassbaren Reichtum, noch unendliche Macht. Er wünscht sich ein «hörendes Herz», damit er die Menschen versteht, erkennt, was sie brauchen und damit er im Hören auf Gott kluge Entscheidungen treffen kann. Der weise Mensch hat also einen Blick für die Welt und ein Herz für Gott.

Dietrich Bonhoeffer hat das folgendermassen festgehalten: «Weisheit ist etwas anderes als Wissen und Verstand und Lebenserfahrung. Weisheit ist das Geschenk, den Willen Gottes in den konkreten Aufgaben des Lebens zu erkennen.»

Das alles ist aber noch keine klare Definition. Vielleicht gibt es die auch gar nicht. Vielleicht lässt sich Weisheit eben nicht einfach in eine Begriffsschublade stopfen. Heisst es nicht in unserem Text, sie wird sich mir zu erkennen geben? Dazu brauchen wir einen aufmerksamen Blick und ein hörendes Herz. Ich werde meine Intuition brauchen, wenn ich sie finden möchte. Vielleicht begegnet sie mir im Gesicht des alten Mannes mit seiner unbesiegbaren Würde im Blick. Vielleicht aber auch in dem unschuldigen Kind, das mit einem unbedarften Satz mein ganzes Weltbild in Frage stellt. Vielleicht in der Frau, die immer Rat weiss und für andere da ist. Vielleicht in dem jungen Mann, der mit glänzendem Verstand jeden Schachzug erahnt und komplizierteste Gleichungen auf Anhieb versteht, der aber auch weiss, dass er letztendlich nichts weiss.
Ich glaube nicht, dass die Weisheit nur ein Gesicht, nur eine Gestalt hat. Sie schillert durch die Welt und begegnet uns oft gerade dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. Da, wo Menschen um ihren Platz in der Welt wissen, weil sie Gott seinen Platz lassen, da sitzt sie auf Türschwellen, begegnet auf Marktplätzen, schwirrt durch Träume, leitet Entscheidungen und gibt Orientierung. Sie lässt sich finden, wenn wir aufrichtig nach ihr suchen. Verwechseln wir Weisheit nicht einfach mit Belesenheit, Intelligenz, mit Schläue oder Gerissenheit … sonst könnte es geschehen, dass wir sie verpassen!

Nadia Miriam Keller

 

ZUM THEMA

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, sekretariat@kirche-heute.ch