Ausgabe 33, 12. bis 18. August 2017

Eine Wanderung in den Bergen gibt dem Schweigen und der Stille Raum. (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)Eine Wanderung in den Bergen gibt dem Schweigen und der Stille Raum. (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)


1 Könige 19,9a.11–13.a
In jenen Tagen kam Elija zum Gottesberg ­Horeb. Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn ­erging an ihn: Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn!
Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.
Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

Einheitsübersetzung


Schweigend werden wir zu Hörenden

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als ich mich mit meinem Studienfreund und mit meinem wanderfreudigen Onkel zu einem Bekannten aufmachte, der in den Sommermonaten auf dem Niederbauen im Kanton Uri eine Alpwirtschaft betrieb. Wir wollten bei ihm übernachten, um am frühen Morgen dabei zu sein, wenn er die Milch verkäste. Am späten Nachmittag marschierten wir in Bauen los und machten uns bei schönstem Wetter an den steilen Aufstieg. Wir waren noch keine Stunde unterwegs, als sich ein Gewitter zusammenbraute. Die Wolken türmten sich unverhofft schnell zusammen, und bald war es so dunkel, als würde es Nacht werden. Unter einem Felsüberhang suchten wir Schutz, während es in Strömen goss und um uns herum blitzte und markerschütternd donnerte. Obwohl ich es mir nicht anmerken lassen wollte, war dies eine Situation, bei der mir unheimlich wurde. Der steile Felsabhang, der im Wolkenvorhang verschwand, die düstere und dunkle Stimmung und der ohrenbetäubende Lärm liessen mich mit einem Mal unbedeutend klein und wehrlos vorkommen. Ich war der Naturgewalt ausgeliefert. Nach einer guten halben Stunde war das Spektakel vorbei, und es setzte ein leichter Regen ein, so dass wir unseren Aufstieg fortsetzen konnten.

Dieses Erlebnis kam mir unweigerlich in den Sinn, als ich obigen Bibeltext, den ich persönlich sehr mag, gelesen habe. Gott wird dem Propheten Elija nicht als einer vorgestellt, vor dem er zusammenzucken und sich fürchten müsste. Denn dies war die gängige, biblische Vorstellung von Gott. Ich finde diese Textpassage sehr beeindruckend, in der uns die Begegnung mit Gott als sanft, wie ein Säuseln, vorgestellt wird.

Persönlich bin ich von der Übersetzung von Martin Buber sehr angetan. Anstelle eines «sanften, leisen Säuselns» wählt Buber «die Stimme verschwebenden Schweigens»: Nicht im lauten Getöse und Gebrüll, nicht im Feuer und in der Hitze des Gefechts findet die Begegnung mit Gott statt, sondern in der Stille und im Schweigen.

Nach dem Gewittererlebnis in den Bergen sind wir im gleichmässigen, sanften Regen weitergewandert. Still und gedankenversunken über das Erlebte. Es war eine fast andächtige Stille zwischen uns. Waren wir vorher noch rege im Gespräch miteinander, so stiegen wir jetzt schweigend hintereinander den Berg hinauf. War ich vorher noch mit diesem oder jenem Thema gedanklich beschäftigt, so waren meine Gedanken wie weggefegt und zum Schweigen gekommen. Ich hörte nur noch meinen Atem und die Schritte. Vom Redenden war ich zum Schweigenden und damit auch zum Hörenden geworden. Das eindrückliche Naturerlebnis hatte uns verändert und uns still werden lassen.

Mit Martin Buber würde ich also sagen, dass wir Gott nicht im Getöse und Alltagsrummel wahrnehmen, sondern im Schweigen.

Und so frage ich mich, wo ich in meinem Leben dem Schweigen noch mehr Raum geben kann. Dies in einer doch recht lärmigen und digitalisierten 24-Stunden-Welt, in der mich schon der leise Klang einer Whats-App-Nachricht wieder aktiv werden lässt. Unweigerlich kommt mir Silja Walters Gedicht ­«Wachen» in den Sinn, in dem sie über das Zu-Hause-Sein – und sie meint damit auch das Bei-sich-Sein – spricht und über die Welt, die in Betrieb ist, unaufhaltsam, stetig mit sich selbst beschäftigt. Ich bin ein Teil von ihr.

Mathias Jäggi

 

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