Ausgabe 16-17, 15. bis 28. April 2017

Die Erschaffung des Menschen in der Darstellung von Michelangelo (Ausschnitt aus dem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Rom). (Foto: wikimedia, Jörg Bittner Unna)Die Erschaffung des Menschen in der Darstellung von Michelangelo (Ausschnitt aus dem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Rom). (Foto: wikimedia, Jörg Bittner Unna)

Genesis 1,1.26–31a
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. … Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen ­tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich ­alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.


Einheitsübersetzung


«Im Anfang» – und am Ende?

Als ich – es war noch im letzten Jahrhundert – einer fünften Klasse im Religionsunterricht den ersten Satz des apostolischen Glaubensbekenntnisses erläutern wollte und dabei auf die Erschaffung der Welt zu sprechen kam und mit ihnen das erste Kapitel der Bibel las, kam prompt die Reaktion eines Elfjährigen: «Das stimmt gar nicht! Der Mensch stammt nämlich vom Affen ab!» Na ja, dachte ich mir, Darwin ist mittlerweile auch bei den Kindern angekommen, seine Erkenntnisse sind nach sieben Generationen Allgemeingut geworden und ins kollektive Unterbewusstsein eingedrungen. Gleichwohl erlaubte ich mir, dem naseweisen Schüler etwas salopp zu erwidern: «Dass du vom Affen abstammst, darfst du gerne glauben. Ich für mich gehe davon aus, dass ich von meinen Eltern abstamme.»

Die Leute, die in der Osternachtfeier den Genesis-Text hören werden, sind vermutlich weder fundamentalistische Kreationisten noch eifernde Atheisten, lesen möglicherweise gerade «Das Tagebuch der Menschheit» und haben einfach Freude, zu vernehmen, was am Anfang war, dass die Welt, der Raum, die Zeit, das Wasser, das Licht, das Leben einmal ins Dasein gerufen wurden. Das All, jenes allerknappste Wort, das uns zum Fragen und Staunen reizt, heisst auf Griechisch «Kosmos». Kosmos bedeutet Schönheit, Schmuck, Ordnung. Ob der Urknall, ob Astrophysik und Molekularbiologie schön sind? Ob Schwarze Löcher und Galaxien etwas mit Ordnung zu tun haben? Ich freue mich, einmal im Jahr – in der Osternacht – in einer Art höheren Naivität diesen einzigartigen Text in mir aufzunehmen, in seinen poetischen Rhythmus einzutauchen, vollständig, ungekürzt, siebenmal: «Und es wurde Abend, und es wurde Morgen. Und Gott sah, dass es gut war». Was da gesagt wird, ist für mich Lebensqualität im umfassenden Sinn.

Einmal im Jahr will ich offiziell daran erinnert werden: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» Ich gehör‘ dazu, mich hat Er erschaffen, mich hat Er angeschaut – Sein Abbild bin ich, spiegelverkehrt! Meine Eltern hat Er geschaffen und alle Menschen, auch die Gottlosen und die Unsympathischen, selbst die Affen, von denen wir abstammen, ebenso die Einzeller und die Moleküle, aus denen vor x Millionen Jahren das Leben sich entwickelte. Alle und alles hat Gott geschaffen, ins Leben gerufen, am Anfang. Seither kommen wir auf die Welt, ununterbrochen, und sterben und schaffen so die Grundlage für neues Leben. Der Anfang lebt. Von ganzem Herzen und mit aller Kraft will ich die Antwort festhalten, die der Glaube mir in den Mund legt: «Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde.»

Wenn schon der Anfang so wunderbar ist, wie wird es dann mit dem Ende sein? Ostern macht mich neugierig auf die Fortsetzung, auf das Ende. Alles läuft hinaus auf die Vollendung des Anfangs: «Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott» (Jesus zu Magdalena, am Ostermorgen). Im Detail wissen wir wenig, eigentlich wissen wir gar nichts. Im Rückblick auf den Anfang heisst es allerdings eindeutig: «Es war sehr gut.» Das klingt vielversprechend, auch in Erwartung des künftigen Endes: Es wird sehr gut sein.

Abt Peter von Sury,
Mariastein

 

ZUM THEMA

  • Rom will nicht mehr bestimmen, was Deutsch ist

    Dieser Beschluss von Papst Franziskus wird die Worte verändern, die am Altar, auf der Kanzel und auch vom Volk in der ­Kirche gesprochen werden: Der Vatikan besteht nicht mehr auf wörtlichen Über­setzungen der liturgischen Texte aus dem Latein, sondern vertraut auf die Sprachkompetenzen der Bischofskonferenzen in deren eigenen Sprachgebieten. >> mehr...

  • Die Reue ist ein starker Kick

    Ich möchte eine Herzensregung erwähnen, die uns allen bestens bekannt ist: Die Reue. In diesem starken, höchstpersönlichen Gefühl vermengt sich manch Widersprüchliches. Vielleicht verbindet sich mit der Reue der Wunsch nach Wiedergutmachung, ein Hoffnungsfunke, doch noch eine Chance zu erhalten, die Bereitschaft, ein Zeichen des guten Willens zu setzen. >> mehr...

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, sekretariat@kirche-heute.ch