Ausgabe 15, 8. bis 14. April 2017

Wenn Kinder die ersten Schritte machen, sind sie auf Unterstützung angewiesen. (Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de) Wenn Kinder die ersten Schritte machen, sind sie auf Unterstützung angewiesen. (Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)

Jesaja 50,4–9
Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines ­Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.
­Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart aus­rissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen ­Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande ­gerate. Er, der mich freispricht, ist nahe.
Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
Wer kann mich für schuldig erklären?
Seht: Sie alle zerfallen wie ein Gewand, das die Motten zerfressen.

Einheitsübersetzung


Ein wahrer Helfer in der Not

Wir leben in einer Epoche des radikalen Wandels und Umbruchs. Viele althergebrachten Werte werden hinterfragt, neue Gedankenkonzepte und Ideen werden postuliert. Diese Umbruchsituation weckt in mir und bei vielen Zeitgenossen, neben der Freude am Neuen, auch Gefühle der Unsicherheit. Lese ich dann in dieser Stimmung den obigen Bibeltext, dann empfinde ich ihn als eine Zumutung. Denn auch bei Glaubensfragen hält die Verunsicherung Einzug. Wie kann da jemand noch so selbstsicher oder gar anmassend selbstgewiss auftreten? Das ist doch Fundamentalismus! Höre ich die selbstgefälligen Töne dieser Passage, dann wirkt so eine überhebliche Person auf mich abstossend arrogant. Wie kann jemand dermassen von sich überzeugt sein, stets das Richtige zu tun? In allem Gottes Willen zu erfüllen? Zu einem solchen Menschen in Beziehung zu treten fällt mir schwer. In Gedanken höre ich mich sagen: «Was er sagt, ist unerträglich! Wer kann das anhören?» (Joh 6, 60).

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Wie kein anderes Buch im Ersten Testament steht bei Jesaja nebst dem Ruf zur Umkehr und dem Trost der Unterdrückten auch die Rettung des Volkes im Vordergrund. Jesaja prophezeit eine Epochenwende: Es wird eine Zeit kommen, in der Gott endlich die Gerechtigkeit herstellt und in der echter Friede herrschen wird. In wohl einer der grössten Krisen des alten Israels prophezeit Jesaja eine Zeit, in der es keine Unterdrückten und Leidenden mehr geben wird. Dazu schickt Gott dem Volk einen Retter und Erlöser, der von christlicher Seite seit jeher mit Jesus Christus gleichgesetzt wurde. Seine Aufgabe wird es sein, die Schar der versprengten Israeliten heimzuholen, ihnen Gottes Hilfe zu bringen und Gottes Barmherzigkeit zu zeigen. So ein Gottesknecht scheint mir in Bezug auf die heutige Menschheitsfamilie eine bleibend aktuelle Gestalt zu sein.

In der kirchlichen Sozialarbeit begegne ich immer wieder Menschen, die ihre Heimat aufgrund lebensbedrohender Umstände verlassen mussten oder denen in der Heimat oder auf der Flucht schreckliche Gewalt angetan wurde. Wie sehr wünschte ich mir dann einen starken Helfer und Retter für sie und eine wirkliche Verbesserung der schrecklichen Lebensumstände.

Wie sehr wünschte ich mir einen Helfer und Retter, wenn Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden, weil sie mit 55 selbst für einfachste Arbeiten als zu alt und zu langsam erachtet werden.

Wie sehr wünschte ich mir einen wirkungsvollen Beistand für Frauen, die von Männern bedroht werden und für Kinder, die in ihren Familien Gewalt erleiden.

Wie sehr wünschte ich mir einen tatkräftigen Helfer für Menschen, die auch bei uns rechtliche Ungerechtigkeit erdulden müssen, weil sie hintergangen wurden.

Ja, in solchen Situationen wünsche ich mir einen starken Helfer, der vor den Mächtigen nicht einknickt, sondern der seinen sicheren Stand bewahrt und dem Unrecht ein für alle Mal eine Ende bereitet!

Mathias Jäggi

 

ZUM THEMA

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, sekretariat@kirche-heute.ch