Ausgabe 8-9, 18. Februar bis 3. März 2017

Ich. Du. Gott. (Foto: Gabi Schoenemann/pixelio.com)Ich. Du. Gott. (Foto: Gabi Schoenemann/pixelio.com)


LEVITIKUS 19,1-2.17–18
Der Herr sprach zu Mose:
Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten, und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.

Einheitsübersetzung


Wenn Gott ICH sagt

Im Deutschen sind es drei Buchstaben, im Englischen genügt gar eine senkrechte Linie: I. Oft sind es die allerknappsten Wörter, welche die schwierigsten und geheimnisvollsten Dinge zur Sprache bringen. Wörtlich zwar einsilbig, doch inhaltlich tief und unendlich weit. Ich. Du. Gott. Sein. Tot. All. Nichts. Spannend wird es, wenn diese Worte miteinander in Kontakt treten und zusätzlich mit einem Frage- oder einem Ausrufezeichen versehen werden. Ich Gott? Gott, Du! Gott tot! Ich, tot? Da stossen wir an die Grenzen unseres Denk- und Vorstellungsvermögens, geraten an den Rand des Unvorstellbaren, versinken im Halbdunkel des eigenen Seelengrundes.

Das alles beschränkt sich nicht auf harmlose Wortspiele. «Wenn ich Gott sage» mag banal klingen. Doch die Aussage kann mich zum Weiterdenken und Weiterreden verleiten, sodass daraus schliesslich ein explosives Buch entsteht. «Wenn ich Gott sage» war der deutsche Titel eines Werkes, das 1977 auf Französisch erschienen war («Quand je dis Dieu»). Seinem Autor, dem Dominikaner­pater Jacques Pohier (geb. 1926), brockte es von Seiten des Vatikans grossen Ärger ein: Lehrverbot, Predigtverbot, Verbot, die Eucharistie zu feiern. Ich lese immer wieder gerne darin, weil es zum Nachdenken anregt und neue Pfade erkundet, indem es sich, ziemlich ­undogmatisch, dem unergründlichen Geheimnis Gottes aus der Perspektive einer durch die Tiefenpsychologie geläuterten Ich-Erfahrung nähert. Am Beginn des Buches steht ein Zitat von Meister Eckhart, Dominikaner auch er (1260–1327): «Gott wird Gott, wenn die Geschöpfe Gott sagen.» Er hätte auch Sigmund Freud zitieren können: Wo Es ist, muss Ich werden. Später trat Pohier aus seinem Orden aus; er heiratete und setzte sich für die aktive Sterbehilfe ein. Vor zehn Jahren starb er.

Der Spiess lässt sich auch umkehren, und der Titel könnte lauten: «Wenn Gott ICH sagt.» So endet tatsächlich der kurze Text aus dem Buch Levitikus: «Ich bin der Herr.» Die Einheitsübersetzung braucht vier Wörter, was das Hebräische und das Lateinische in zwei Wörter komprimieren: ANI JHWH – «ich (bin) Jahwe». Das EGO DOMINUS kommt auf mich zu, tritt in Beziehung zu meinem Ich, spricht mich an mit provokativer Direktheit, ein Wort wie ein Lavastrom aus der Mitte des Vulkans, der als gewaltiges Echo widerhallt aus dem Mund des Heilands: «ICH aber sage euch». Sein ICH wendet sich an mein verunsichertes und doch so stolzes Ich, zeitgleich an das Ich des andern, spricht mich und gleichermassen den andern an, wendet sich mir und ebenso dem neben mir zu, der mir der Nächste ist, dem ich Du bin, Feind oder Freund, Kollege oder Konkurrent, Fremder oder Bruder, oder einfach so. Vollständig ebenbürtig, vollständig gleichwertig, vollständig gleich gültig. «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Im besten Fall entsteht daraus eine Art Dreiecksverhältnis, das im Drei-Einen seinen Ursprung hat und sich weiterentwickelt zum WIR, im Einklang mit Schöpfer und Schöpfung: Seine Sonne geht auf über Guten und Bösen, sein Regen ist da für Ungerechte und Gerechte. Sonne und Regen, Urstoff des Lebens, Spiegel und Inbegriff der sich verschenkenden Liebe Gottes. Wer es fassen kann, der fasse es und freue sich, dass das menschliche Ego gerufen ist, einzugehen ins DU, in Gottes vollkommenes ICH. Oder wie ein Dichter es zu sagen verstand: «Und jede nimmt und gibt zugleich / und strömt und ruht» (C.F. Meyer).

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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