Ausgabe 7, 11. bis 17. Februar 2017

Manche Wege, für die man sich entschieden hat, führen in die Irre. (Foto: Dieter Kreikemeier/pixelio.de)Manche Wege, für die man sich entschieden hat, führen in die Irre. (Foto: Dieter Kreikemeier/pixelio.de)



JESUS SIRACH 15,15–20
Wenn du willst, kannst du das Gebot halten; Gottes Willen zu tun ist Treue. Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Überreich ist die Weisheit des Herrn; stark und mächtig ist er und sieht alles. Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen, er kennt alle seine Taten. Keinem gebietet er zu sündigen und die Betrüger unterstützt er nicht.

Einheitsübersetzung


Mensch – entscheide dich!

Nach einer feuchtkalten Nacht im Schlafsack auf einer Sandbank der Calancasca traten wir die zweite Etappe einer Rundwanderung an. Mein Freund und ich genossen den Aufstieg, die bereits herbstlich gefärbten Bäume und erlebten einen wunderschönen, spätsommerlichen Tag im wildromantischen und verlassenen Calancatal. Als das Licht am späten Nachmittag schon etwas trüber wurde, entschieden wir uns an einer Weggabelung für eine Abkürzung, die auf der Karte nur mit einer gestrichelten Linie eingetragen war. Der Weg fiel steil ab und wir wussten, dass uns da unten irgendwo das Ristorante Al Pont erwartete, das wir bereits am Vortag kennengelernt hatten. Ich freute mich schon auf den Gemüsebrodo, den uns die Wirtin in Aussicht gestellt hatte. In einer Stunde wollten wir gemütlich auf der Eckbank sitzen, was uns dazu antrieb, noch einen Gang zuzulegen. Mit einem Blick auf die Karte vergewisserten wir uns des Weges. Wir hatten keine Ahnung, wann er zuletzt von einem Menschen begangen worden war, denn es waren schon länger keine Markierungen mehr aufgetaucht. Es wurde immer steiler und wir kamen nur noch mühsam voran, bevor wir dann vor Steilwänden abrupt halten mussten. Wir trauten unseren Augen kaum und unser Blick glitt von der Karte überrascht auf die Landschaft. Wir getrauten uns nicht, noch weiter abzusteigen. Von einem weiterführenden Weg konnte keine Rede mehr sein. Wir verfluchten unsere Entscheidung und konnten uns gerade noch davon abhalten, einander dafür Vorwürfe zu machen. So stiegen wir mühsam wieder hoch, bis zur Weggabelung, wo wir in die vermeintliche Abkürzung abgebogen waren.

Im Leben müssen wir laufend Entscheidungen treffen. Manche sind gut und manche führen in die Irre! Manche treffen wir in bester Absicht und stellen erst viel später fest, dass sie nicht gut waren. Tendenziell klopfen wir uns selbst auf die Schulter, wenn wir Erfolg haben. Bei Misserfolg suchen wir einen anderen Schuldigen. Doch wenn wir ehrlich sind, dann entdecken wir auch die eigene Beteiligung, wenn etwas nicht gelingt. Wenn wir kein Gegenüber finden, dem wir die Schuld unterjubeln können, dann suchen wir sie oft bei Gott. So höre ich gelegentlich die Klage und kenne sie auch von mir selbst, was das für ein Gott sei, der dies oder das zulässt.

Jesus Sirach hat eine andere Sichtweise und lädt zu einem Perspektivenwechsel ein. Jesus Sirach ist überzeugt, dass der Mensch die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen muss. Es ist kein böswilliger Gott, der ihn in die Irre führt. Für Jesus Sirach geht es darum, Weisheit zu erlangen. Als Hilfe dazu erscheint ihm Gottes «Gesetz». Mit «Gesetz» ist nichts anderes gemeint als die Tora. Darin enthalten ist die jüdische Sichtweise, wie unser Leben gelingen kann, und wie wir die von Jesus Sirach erstrebte Weisheit erlangen können. Die Tora ist voll von Erzählungen, wie es Gott gemeint hat, und was wir Menschen daraus gemacht haben, wie Neid, Missgunst und Hass das Gute in der Schöpfung verdunkeln. Dabei haben wir alle zumindest eine Ahnung davon, was «gut» sein könnte.

Jesus Sirach will ermutigen, dass wir uns für das Gute entscheiden. Wir sollen unser Leben so ausrichten, damit wir das eigene Leben, das anderer Menschen und eigentlich die ganze Schöpfung in ihrer Lebendigkeit bewahren. Dass wir uns nicht für den Tod, sondern für das Leben entscheiden.
Calanca erreichten wir dann doch noch, und die Suppe gab es auch noch und dazu einen grossen Teller Pasta!

Mathias Jäggi

 

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