Ausgabe 49, 3. bis 9. Dezember 2016

Ein Zipfel der himmlischen Herrlichkeit … (Foto: Dorothee Becker)Ein Zipfel der himmlischen Herrlichkeit … (Foto: Dorothee Becker)


JESAJA 11, 1–2. 5–10
Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.

Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.

An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; sein Wohnsitz ist prächtig.

Einheitsübersetzung


In Erwartung

Paradiesische Zustände. Davon können wir nur träumen. Diese Vision ist 2700 Jahre alt – und wir träumen immer noch. Zum Glück. Was wären wir, wenn wir nicht festhalten würden an dem Traum von einer gerechten Welt, am Traum vom Frieden, der immer und überall so zerbrechlich ist, am Traum von einer Erde, die auch unseren Kindern und Grosskindern bewohnbaren Lebensraum bietet? Am Traum davon, dass sich am Ende das Gute durchsetzen wird und keine Verbrechen mehr begangen werden, nichts Böses mehr getan wird?

Es gibt einen wunderbaren Begleiter durch die Adventszeit: das Buch «Das Weihnachtsgeheimnis» von Jostein Gaarder. Eine buntgemischte Gruppe von Menschen, Schafen und Engeln reist durch die Zeit zurück und durch Europa, um rechtzeitig zur Geburt Jesu in Bethlehem zu sein. In diesem Buch erklärt der Engel Efiriel mit Blick auf eine wunderschöne Sommerblumenwiese: «Das ist ein Zipfel der himmlischen Herrlichkeit, der sich auf die Erde verirrt hat. Im Himmel gibt es nämlich so viel Herrlichkeit, dass sie sich leicht ausbreitet.»

Wenn wir die Vision des Jesaja und den Satz des Engels über die himmlische Herrlichkeit zusammen lesen, dann dürfen wir uns bewusst machen, dass wir im Advent leben: in der Ankunftszeit der himmlischen Herrlichkeit. In der Erwartung von Frieden und Gerechtigkeit. Advent ist eigentlich ein Dauerzustand, nicht nur die drei bis vier Wochen vor Weihnachten. Ein Leben lang sind wir auf der Suche nach und in Erwartung der himmlischen Herrlichkeit. Die uns einerseits am Ende unseres Lebens erwartet, die andererseits aber schon ihren Anfang nimmt im Hier und Jetzt.

Und wir können und sollen an ihr mitwirken. Die himmlische Herrlichkeit breitet sich leicht aus, wenn wir das Unsrige dazutun. Dazu haben wir Unterstützung, wir sind nicht allein. Denn die Gaben der heiligen Geistkraft sind uns geschenkt: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht und der Frömmigkeit. Weisheit, Einsicht und Erkenntnis – das bedeutet, die Strukturen zu durchschauen und zu durchbrechen, die die Herrlichkeit des Reiches Gottes immer noch eingrenzen und behindern. Rat und Stärke wünsche ich mir für alle, die in Entscheidungspositionen sitzen und Weichen für die Zukunft stellen: politisch, ökologisch, wirtschaftlich. Gottesfurcht und Frömmigkeit sind vielleicht die am wenigsten populären unter den Geistesgaben. Doch Furcht hat in dem Fall nichts mit Angst zu tun, sondern damit, dass Gott für uns der Grösste ist. Und Abt Christian hat die Gabe der Frömmigkeit im Firmgottesdienst einmal so erklärt: Frömmigkeit ist nichts anderes als unsere Freundschaft mit Gott.

Diese Freundschaft kann uns stärken und ermutigen. In dieser Adventszeit und darüber hinaus: daran mitzuwirken, dass sich die Herrlichkeit Gottes immer weiter ausbreitet.

Dorothee Becker

 

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