Ausgabe 45, 5. bis 11. November 2016

Berlin, Bernauer Strasse; Gedenkstätte Berliner Mauer. Die Makkabäer sind längst Geschichte. Dass Andersdenkende Opfer totalitärer Regime werden noch lange nicht. (Foto: Urs Zimmermann) Berlin, Bernauer Strasse; Gedenkstätte Berliner Mauer. Die Makkabäer sind längst Geschichte. Dass Andersdenkende Opfer totalitärer Regime werden noch lange nicht. (Foto: Urs Zimmermann)


2 MAKKABÄER 7, 1–2.7a.9–14
In jenen Tagen geschah es, dass man sieben Brüder mit ihrer Mutter festnahm.
Der König Antiochus wollte sie zwingen, entgegen dem göttlichen Gesetz Schweinefleisch zu essen und liess sie darum mit Geisseln und Riemen peitschen.

Einer von ihnen ergriff für die anderen das Wort und sagte: Was willst du uns fragen und von uns wissen? Eher sterben wir, als dass wir die Gesetze unserer Väter übertreten. Als der erste der Brüder gestorben war, führten sie den zweiten zur Folterung.

Als der zweite in den letzten Zügen lag, sagte er: Du Unmensch! Du nimmst uns das Leben, aber der König der Welt wird uns zu neuem, ewigem Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.

Nach ihm folterten sie den dritten. Als sie seine Zunge forderten, streckte er sie sofort heraus und hielt mutig die Hände hin. Dabei sagte er gefasst: Vom Himmel habe ich sie bekommen, und wegen seiner Gesetze achte ich nicht auf sie. Von ihm hoffe ich sie wiederzuerlangen.
Sogar der König und seine Leute staunten über den Mut des jungen Mannes, dem die Schmerzen nichts bedeuteten.

Als er tot war, quälten und misshandelten sie den vierten ebenso. Dieser sagte, als er dem Ende nahe war: Gott hat uns die Hoffnung gegeben, dass er uns wieder auferweckt. Darauf warten wir gern, wenn wir von Menschenhand sterben. Für dich aber gibt es keine Auferstehung zum Leben.

Einheitsübersetzung


Makabere Makkabäer

Unliebsame politische Gegner in Gefängnissen verschwinden zu lassen, sie zu foltern, um ihnen Geständnisse oder Informationen zu entlocken oder sie einfach umzubringen, um sie endgültig loszuwerden, ist in vielen Ländern unserer Welt an der Tagesordnung. Dabei geschehen die meisten Menschenrechtsverletzungen im Geheimen, denn die Täter, ob Regierungsorgane oder Oppositionsbewegungen, wollen nicht erkannt werden. Darum sind Organisationen wie Amnesty oder Human Rights Watch so wichtig. Sie bringen die unmenschliche Grausamkeit ans Licht, und manchmal gelingt es ­ihnen sogar, mit dem Druck der Öffentlichkeit das Schicksal einiger Häftlinge zu wenden. Folteropfer, so sie denn die Tortur überleben, sind schwer traumatisiert, d.h. sie werden, auch wenn sie inzwischen in sicheren Verhältnissen leben, immer wieder vom Schrecken und von den Ängsten heimgesucht, unter denen sie gelitten haben. Manchen gelingt es, nach aussen hin ein einigermassen normales Leben zu führen, andere finden nie wieder zurück zu Vertrauen und Heiterkeit.

An die traumatisierten Kriegsflüchtlinge musste ich denken, als ich den Text aus dem 2. Makkabäerbuch las. Der Ausschnitt, den die Liturgie anbietet, ist eine Kürzung des unerträglich grausamen Berichts in der Bibel – wer sich das zumuten will, lese selbst nach. Ich dachte als Erstes an die Mutter dieser Männer, die das Martyrium ihrer Söhne ansehen musste. Sie hat das Leben nicht wieder lernen müssen, denn sie wurde am Schluss ebenfalls hingerichtet.

Nun muss man sich natürlich fragen, warum diese Folter- und Hinrichtungsgeschichte aufgeschrieben worden ist. (Darüber, ob das in die Bibel gehört, herrscht interkonfessionelle Uneinigkeit.) Werden auf diese Weise Folteropfer zu Helden gemacht, werden sie gar zu Propagandazwecken missbraucht? Jedenfalls wird sehr absichtsvoll dargestellt, wie grausam der Besatzer Antiochus mit den Bewohnern des Landes umgeht und wie dumm deshalb die sind, die ihm die Tür öffnen, indes, seine Gegner waren nicht weniger zimperlich. Und natürlich sollte der unerschütterliche Auferstehungsglaube dokumentiert werden, der sich erst in diesen letzten zwei Jahrhunderten vor Christus unter griechischem Einfluss entwickelt hatte. Ob politisch oder religiös begründet, die Folteropfer werden benutzt, werden zum Mittel für Gruppenziele. Ich halte das für Missbrauch.

Noch unerträglicher allerdings werden Hinrichtungen, die im Zentrum einer jubelnden Menge geschehen, wie bis zu den Kreuzigungen, Ketzer- und Hexenverbrennungen üblich. Heute gibt es gar den Mord vor laufender Kamera, der dann aller Welt vorgeführt wird. Menschenleben wird zu Material, Erniedrigung ist Methode. Dann denke ich an die Mütter und Väter, an die Freundin-
nen und Freunde der Opfer, in denen das Leid der Gefolterten und Umgebrachten zum Schrei wird, den die Welt hört und hoffentlich mit entschiedenem Bekenntnis zum Recht, zu Würde und Menschlichkeit beantwortet.

Ludwig Hesse

 

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