Ausgabe 39, 24. bis 30. September 2016

Heil kann auch Erlösung bedeuten. Die berühmte Statute in Rio de Janeiro stellt Christus den Erlöser dar.  (Foto: wikimedia/Adriano3000)Heil kann auch Erlösung bedeuten. Die berühmte Statute in Rio de Janeiro stellt Christus den Erlöser dar. (Foto: wikimedia/Adriano3000)

LEVITIKUS 19,1–2.17–18

Der Herr sprach zu Mose: Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten, und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.

Einheitsübersetzung


Heilige Menschen sind authentische Menschen

«Sei heilig!» – Dieser Zuspruch weckt bei mir, wie vermutlich bei vielen Menschen, ganz unterschiedliche Gefühle: peinlich berührt, beschämt, Ablehnung, Widerspruch oder Unverständnis. Ich bin kein Heiliger, im Sinne von der Welt enthoben, denn um meine alltäglichen Unzulänglichkeiten weiss ich nur zur Genüge selbst Bescheid.

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle überlegen, was ich dieser Anrede abgewinnen kann. Das hebräische Urwort für heilig heisst «kadosch» und hat die Bedeutung von «anders», «abgesondert» oder auch von «zu unterscheiden von …». Mit «heilig» wird im obigen Text das von Gott auserwählte Volk Israel angesprochen. Mose soll ihm in Erinnerung rufen, dass es das erwählte Volk ist. Dieser Besonderheit soll es sich stets bewusst sein und durch ein entsprechendes Verhalten zum Ausdruck bringen.

Als Christen stehen wir in derselben Tradition. Im Hinblick auf die Reinheitsgebote, bei denen es ja darum ging, das Heilige mit dem «Un»-heiligen nicht zu vermischen, weist Jesus besonders darauf hin, dass weniger das roboterhafte Einhalten der Gebote wichtig, sondern dass die Haltung massgebend ist. Nicht das ritual- und formelhafte, sondern das konkrete Handeln aus innerer Überzeugung heraus wird ins Zentrum gestellt und im Zweifelsfall sogar über das Gebot gestellt. So bekommt «heilig» für mich eine andere Nuance.

Ob das Wort «heilig» nun eine geglückte Übersetzung für «kadosch» ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Der etymologische Hintergrund gibt mir jedoch noch einen weiteren Impuls. «Heilig» ist schon im 8. Jahrhundert bezeugt und wird dem Wort «heil» zugeordnet. Es hat demnach etwas mit «heil» im Sinne von «ganz» und «gesund» zu tun. Wer also heilig ist, der kann Denken, Handeln und Fühlen miteinander in Einklang bringen. Heilige Menschen sind authentische Menschen. Es sind Menschen, denen das Gegenüber anmerkt, dass sie es so meinen, wie sie es sagen. Es sind Menschen, die eine innere Haltung haben.

Der heutige Text ermuntert uns, darüber nachzudenken, was authentische, heilige Menschen tun: Hass überwinden, einen ehrlichen und offenen Umgang pflegen, nicht nachtragend oder rachsüchtig sein. Solch ein Handeln trägt dazu bei, dass etwas ganz bleibt oder ganz wird.

Es gibt dabei allerdings bei diesem Handeln eine nicht unwesentliche Prämisse: «Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst!» Dieses Gebot wird auch von Jesus immer wieder als das zentrale Gebot betont. Die Selbstliebe ist dabei der Ausgangspunkt für die Nächstenliebe. Das scheint mir die wahre Crux! Denn oft gehen wir mit uns selbst – gerade wenn uns das eigene Versagen bewusst ist – hart ins Gericht.

Von Kindheit an werden wir darauf getrimmt, Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, ihrem Denken und ihren Ansprüchen zu genügen. Bereits in jungen Jahren holen wir uns auf diese Weise die Zuwendung von unseren Eltern, Lehrern oder Vorgesetzten ab. Der christliche Weg kann auch bedeuten, sich von diesen Abhängigkeiten zu befreien und sich selbst liebevoll anzunehmen. Denn erst die Liebe verleiht dem Handeln den gewissen Tiefgang. Ansonsten kann «Hass überwinden» auch bloss aus Gleichgültigkeit heraus geschehen, ein rein «ehrlicher Umgang» mit den Mitmenschen verletzend sein oder «keine Rache ausüben» ohne wahrhaftige Vergebung, auf der halben Strecke stehen bleiben. Stets geht es darum, die Wahrheit zu tun, aber sie in Liebe zu tun (vgl. 1 Kor. 13).

Mathias Jäggi

 

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