Ausgabe 20-21, 14. bis 27. Mai 2016

Menschen brauchen Regeln für das Zusammenleben, das Befolgen irdischer Gebote reicht jedoch nicht für das Glück. (Foto: Joujou/pixelio.de) Menschen brauchen Regeln für das Zusammenleben, das Befolgen irdischer Gebote reicht jedoch nicht für das Glück. (Foto: Joujou/pixelio.de)

 

EZECHIEL 36,16.22–28
Das Wort des Herrn erging an mich: Sag zum Haus Israel: So spricht Gott, der Herr:
Nicht euretwegen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr bei den Völkern entweiht habt, wohin ihr auch gekommen seid. … Ich hole euch heraus aus den Völkern, ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch in euer Land.
Ich giesse reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller ­Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein.

Einheitsübersetzung

 

Allein der Geist Gottes baut die Brücke

«Muss ich euch denn alles zweimal sagen?», rief unsere Mutter, wenn wir Kinder wieder mal auf unseren Ohren sassen und nicht spontan und gern taten, was sie von uns erwartete. Wir hatten unsere Beschäftigungen und Pläne, und wir liessen uns nicht gern stören. Die Taktik der Wahl war drum, die erste Aufforderung einfach zu überhören oder zumindest so zu tun, als hätten wir sie überhört. Dass Mutter es ernst meinte, das stand erst fest, wenn der wiederholte Mahnruf mit erhobener Stimme lauter erschallte. Dann hiess es meist als Antwort: «Ja, gleich!» Und dann wurde eifrig weitergespielt. Gleich ist ein sehr dehnbarer Begriff. Und so kam es häufig vor, dass auch die zweite Aufforderung unbefolgt blieb. Wir waren oft nicht wirklich ungehorsam, aber wir hatten eben auch etwas zu verteidigen, etwas, das uns Kindern wichtig war. Trotzdem hatte Mutter natürlich recht, und schlussendlich setzte sie sich auch durch.

An diesen Vorgang habe ich mich bei der Lektüre des pfingstlichen Ezechieltextes erinnert. Alles, was dort im Namen Gottes vom Propheten vorgetragen wird, soll den Widerspruch zwischen Menschen- und Gotteswille auflösen.

Der Ruf zum Befolgen der Gebote zieht sich als ständig wiederholtes Mantra durch das gesamte erste Testament. Das kann so nichts werden. Wie wir Kinder im Spiel scheinen sich die Menschen in ihrem Tun jedes Mal gestört zu fühlen, wenn die Aufforderung zur Beachtung der göttlichen Ordnung wieder ertönt. Das muss ja dazu führen, dass die Gebote geflissentlich übergangen, und wenn dies nicht möglich ist, nur formal und minimalistisch erfüllt werden. Nein, ein paradiesischer (messianischer) Zustand kann auf diese Weise nicht entstehen.

Die Anstrengung, durch das Beachten aller Vorschriften ein vollkommener Mensch zu werden, einer, der durch niemanden kritisiert werden kann, einer, dem absolut nichts vorzuwerfen ist, wird vergeblich sein. Darum sind die Pharisäer gescheitert, und darum werden alle scheitern, die das Heil in der vollkommenen Moral suchen. Natürlich braucht es Vorschriften und Gesetze! Wir sind soziale Wesen und brauchen darum Regeln, damit wir das Leben miteinander aushalten können. Aber das reicht niemals für Glück, höchstens hier und da für eine kleine Freude. Die aber ist die Sache Gottes nicht.

Der Jude hat für den Glückszustand, in dem Menschen freudig eins sind mit sich selbst wie mit der göttlichen Ordnung den Begriff «Shalom». Das ist ein Sehnsuchtsbegriff, der mit «Friede» nur unzureichend übersetzt ist. Damit die Widersprüche zwischen Menschenwille und Gottesordnung aufgelöst werden, braucht es schon einen neuen Geist und ein neues Herz. Ezechiel darf diese Tat Gottes ankündigen, das Pfingstgeschehen schenkt uns ein Bild für diesen Wandel. Aber ein irdischer Zustand ist diese begeisterte Harmonie ganz sicher nicht. Es braucht immer wieder das Eingreifen Gottes, damit aus Berechnung Hingabe, aus Pflicht Begeisterung und aus vergleichendem Gerechtigkeitsdenken Vertrauen in die Liebe wird. Unser Bemühen ist wichtig, wird aber nicht reichen. Die göttliche Geistgabe ist eine Brücke in einen himmlischen Zustand.

Ludwig Hesse

 

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