Ausgabe 48, 21. bis 27. November 2015

Der Ewige ist kein Gott von Steinen. Er sucht die Beziehung zum Menschen. Als wahrhaft Gläubiger erweist dieser sich durch sein Vertrauen in Gott, das ihn selbstlos handeln lässt. (Foto: KNA-Bild)Der Ewige ist kein Gott von Steinen. Er sucht die Beziehung zum Menschen. Als wahrhaft Gläubiger erweist dieser sich durch sein Vertrauen in Gott, das ihn selbstlos handeln lässt. (Foto: KNA-Bild)

 

MARKUS 13,1–8
Als Jesus den Tempel verliess, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh was für Steine und was für Bauten! Jesus sagte zu ihm: Siehst du diese grossen Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, alles wird niedergerissen.
Und als er auf dem Ölberg sass, dem Tempel gegenüber, fragten ihn Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas, die mit ihm allein waren: Sag uns, wann wird das geschehen, und an welchen Zeichen wird man erkennen, dass das Ende von all dem bevorsteht? Jesus sagte zu ihnen: Gebt acht, dass euch niemand irreführt! Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! Und sie werden viele irreführen. Wenn ihr dann von Kriegen hört und Nachrichten über Kriege euch beunruhigen, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Und an vielen Orten wird es Erdbeben und Hungersnöte geben, doch das ist erst der Anfang der Wehen.

Einheitsübersetzung 

 

Religion heisst Beziehung

«Die Bilder und Nachrichten aus der Tagesschau ertrage ich nicht mehr, es geht ja nur noch um Kriege und Katastrophen.» «Das schau ich mir nicht mehr an, ich brauche sowas nicht, es belastet mich nur.» Solche und ähnliche Aussagen höre ich im Zusammenhang mit der aktuellen Weltlage nicht selten. Tragen die oben stehenden Zeilen aus dem Markusevangelium nicht etliche tagesschau-ähnliche Züge? Was hat das mit einem Evangelium, einer froh machenden Botschaft zu tun? Unheilsbotschaften scheinen zu dominieren: In Jesu Aufzählung geht es um Zerstörung, falsche Götter, Kriege, Erdbeben und Hungersnöte. Dabei spricht der erste Vers von ganz anderem. Der Anblick des Tempels und seiner Umgebung löst bei den Jüngern erhabene Gefühle aus. Stolz sind sie auf dieses Wahrzeichen ihrer Religion. Es macht Bleibendes und Mächtiges sichtbar. Ihnen käme nie in den Sinn, die Quadersteine mit Kriegen und Zerstörung in Verbindung zu bringen. Doch lässt Jesus – bildlich gesprochen – gerade an diesen Vorstellungen der Jünger keinen Stein auf dem andern. Geht es ihm darum, den Sinn von Kriegen und Katastrophen zu rechtfertigen? Wohl kaum. Seine Botschaft lautet: der Ewige ist kein Gott von Steinen, und seien sie auch noch so wunderbar verarbeitet wie beim Tempel in Jerusalem. Nicht im Materiellen liegt das Lebendige des Glaubens. Religion meint den Menschen und seine Beziehung zum Ewigen. 

Um mehr zu erfahren, müssen wir die Verse 1 bis 8 innerhalb eines grösseren Bibelabschnitts sehen. Ihnen voraus geht die Geschichte einer Witwe (Mk 12,41–44), die alles, was sie an Geld besitzt, in den Opferkasten wirft und damit dem Tempel schenkt. Zur Zeit Jesu lebte eine Witwe ohne finanziellen Rückhalt. Die Gabe der Frau beeindruckt auch deshalb, weil Reiche, die vor ihr an den Opferkasten treten, zwar sehr grosszügig, ­also mehr als sie spenden, doch ihre Gaben im Bereich des schmerzlos Entbehrlichen bleiben. Übrigens kommt das Wort opfern aus dem Lateinischen und heisst ursprünglich: werktätig sein für den Glauben. Schauen wir nun auch auf die Zeilen, die an den ­Ausschnitt über den Tempel anschliessen: Hier steht unter anderem in Vers 13,13b: Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, wird gerettet. 

Wie dürfen wir demnach die Verse, in denen Jesus von Krieg und Zerstörung spricht, in einem grösseren Zusammenhang verstehen? In Beziehung treten mit dem Ewigen fordert heraus. Es ist kein ruhiges Schonprogramm fürs Leben. Und doch haben Kriege und Katastrophen nicht das letzte Wort. Es gilt, die Nöte der Mitmenschen wahrzunehmen und tatkräftig zu helfen. Ängstliches Wegschauen genügt nicht. Was besonders beeindruckt: Um vom Wesentlichen in Religion und Glaube zu sprechen, stellt Jesus nicht den Tempel in den Mittelpunkt, sondern eine Witwe, eine Arme. Sie schenkt weg, was sie besitzt. Als wahrhaft Gläubige erweist sie sich jedoch durch ihr Vertrauen. Denn sie vertraut, dass der Ewige ihr alles zukommen lässt, was sie zum Leben braucht.

Sr. Tamara Steiner

 

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