Ausgabe 38, 12. bis 18. September 2015

Gewohnheiten sind wie ein Wanderstab, der Halt und Stütze bietet. Im Bild eine Alp oberhalb von Gröden im Südtirol. (Fiti: www.dosses.it)Gewohnheiten sind wie ein Wanderstab, der Halt und Stütze bietet. Im Bild eine Alp oberhalb von Gröden im Südtirol. (Fiti: www.dosses.it)


Markus 6,6b–13
Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte. Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, ausser einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füssen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus,in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füssen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. Einheitsübersetzung

Einheitsübersetzung


Gewohnheiten geben Halt

Ein Gespräch mit einer Kollegin gipfelte in der Frage, warum ich mich kirchlich und religiös engagiere. Spontan antwortete ich, dass ich es nur noch aus Gewohnheit tue. Im Nachhinein überlegte ich noch lange an der eigenen Aussage herum. Stimmte das wirklich? Und war es denn schlecht, aus Gewohnheit sonntags in den Gottesdienst zu gehen, die Kinder taufen zu lassen und mit ihnen abends zu beten oder einfach Gutes zu tun? Bei der näheren Betrachtung merkte ich, dass ich tatsächlich Vieles «nur» aus Gewohnheit praktiziere. Das machte mich betroffen und ich fragte mich, ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Werde ich in der Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Text über die Aussendung der Zwölf eine hilfreiche Spur finden, die mich in diesen Fragen weiterführt?

Jesus sendet die Zwölf aus. Das lateinische Wort dafür heisst «missio». Ich frage mich, was ist denn eigentlich meine Mission? Wozu lasse ich mich in Dienst nehmen? 

Im Grundsatz bin ich überzeugt, dass die christliche Botschaft etwas mit meinem Leben zu tun hat, und zwar weit entfernt von allen Gewohnheiten. Es ist die innere Überzeugung, dass ich als Christ eine Aufgabe habe, die für die Welt und Gesellschaft von Bedeutung ist. 

Ganz grundsätzlich fordert christliches Leben die Bereitschaft, sich auf ein Geschehen einzulassen, bei dem man nicht von vornherein alle notwendigen Sicherheiten hat. Die Zwölf damals sollten nur das Notwendigste mitnehmen. Bei allem was darüber hinausging, mussten sie darauf vertrauen, dass es ihnen gegeben wird. Für gelingendes christliches Leben gibt es letztendlich keine Sicherheit und keine Garantie. Es bleibt situativ offen, was daraus entsteht oder eben auch nicht. Diese Offenheit und das dafür notwendige Vertrauen, dass alles einen Sinn hat, scheint mir eine Grundsignatur christlicher Spiritualität zu sein. 

Gewohnheiten können dabei eine gewisse Sicherheit bieten. In übertragenem Sinne sind sie wie ein Wanderstab, der besonders in unwegsamem Gelände Halt und Stütze bietet. Sie tragen dazu bei, dass ich nicht jedes Mal überlege, ob ich etwas tue oder nicht. 

Aber wohin führt der Weg? Das ist die Frage, die mich im Eigentlichen beschäftigt. Im vorliegenden Text finde ich nur eine schwache Spur und keine definitiven Antworten. Die Zwölf werden dazu gesandt, Gottes neuen Bund anzukündigen und die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Sie tun das mit prophetischen Zeichenhandlungen: Sie «treiben die unreinen Geister aus», «salben Kranke mit Öl und heilen sie». Hier wird eine Dimension angesprochen, die über eine gewöhnliche Psychotherapie und medizinische Krankenbehandlung hinausgeht. Unreinheit zu beseitigen, bedeutete im Judentum, dass die religiöse und soziale Einheit wiederhergestellt wird. 

Christlich zu leben heisst, nicht alles auf Nummer sicher zu haben und sich von Unsicherheiten und Unbekanntem nicht erschrecken zu lassen, sondern auf Gottes Botschaft zu vertrauen. Ich bin dazu aufgerufen, einen Beitrag zu leisten, damit Menschen weder gesellschaftlich noch religiös ausgestossen oder ausgeschlossen werden. Ich entdecke einmal mehr die soziale Dimension des Glaubens und meine Begeisterung, diesen persönlichen Ausdruck des Glaubens zu suchen. Dazu lasse ich mich gerne in Dienst nehmen. Eine gewisse Gewohnheit kann dabei hilfreich sein. 

Mathias Jäggi

 

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