Ausgabe 19, 2. bis 8. Mai 2015

Glaube entsteht nicht aus der Luft. Das Licht des Glaubens muss weitergegeben werden. (Foto: KNA-Bild) Glaube entsteht nicht aus der Luft. Das Licht des Glaubens muss weitergegeben werden. (Foto: KNA-Bild)

MARKUS 6,45–52
Und alsbald trieb er seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren nach Betsaida, bis er das Volk gehen liesse. Und als er sie fortgeschickt hatte, ging er hin auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war das Boot mitten auf dem See und er auf dem Land allein. Und er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern, denn der Wind stand ihnen entgegen.
Um die vierte Nachtwache kam er zu ihnen und ging auf dem See und wollte an ihnen vorübergehen. Und als sie ihn sahen auf dem See gehen, meinten sie, es wäre ein Gespenst, und schrien; denn sie sahen ihn alle und erschraken. Aber sogleich redete er mit ihnen und sprach zu ihnen: Seid getrost, ich bins; fürchtet euch nicht!, und trat zu ihnen ins Boot, und der Wind legte sich. Und sie entsetzten sich über die Massen; denn sie waren um nichts verständiger geworden angesichts der Brote, sondern ihr Herz war verhärtet.
Einheitsübersetzung

Der Glaube ist eine Kette weitergegebener Hoffnung

Eine richtige Ostergeschichte ist das. Jeder im Boot weiss: Man ist auf sich allein gestellt. Jesus ist weiss Gott wo, irgendwo am sicheren Ufer. Aber man selbst rudert im Gegenwind, mühsam, frustriert, angstbesetzt. Dann plötzlich geschieht, was niemand erwartet. Jesus sieht das fruchtlose Bemühen, und er erscheint wie ein Gespenst in der Nacht. Er beruhigt, tröstet, schafft Gelassenheit. 

So gehen Ostergeschichten immer: Ein Mensch rechnet mit keiner Hilfe. Im Gegenwind des Lebens müht er sich ab, vergeblich investiert er seine Ressourcen. Die Kräfte der Natur und des Schicksals sind stärker. Die Gefahr ist gross, aufzugeben und zu resignieren. Dann aber trifft die Osterbotschaft ein: Gott sieht und kommt! Mitten in der schwarzen Nacht, mitten im Reich der Finsternis, mitten in der Unausweichlichkeit des Untergangs. 

Soweit können wir unsere eigenen Lebenswege gut in dieser Ostergeschichte wiedererkennen. Wer ist nicht schon entmutigt im Gegenwind gestanden. Nicht jeder ist aus sich selbst heraus stark genug, um weiterzukämpfen und die Hoffnung hochzuhalten. Und die Erwartung eines helfenden Wunders ist wohl auch nicht sehr realistisch. 

Unerwartete Begleitung mitten in Aussichtslosigkeit, das ist Ostern. Du bist nicht allein, du bist getragen und gehalten, du wirst nicht untergehen – nicht einmal im Tod. 

Allerdings setzt die Ostererfahrung den Glauben voraus, sonst sieht man nur ein Gespenst, erschrickt oder lacht zynisch. Das Predigen von Hoffnung und Auferstehung allein wird einen Todkranken nicht bekehren, wird Eltern nicht beruhigen, die ihr Kind loslassen müssen, wird Flüchtlinge nicht trösten und erst recht Tote nicht wieder lebendig werden lassen. Uns zum Trost steht der letzte Satz in unserem Abschnitt des Markustextes: Sie waren noch nicht zur Einsicht gekommen, ihr Herz war verstockt.

Das ist meine Frage: Wie kommt man zur Einsicht? Wie löst sich Verstocktheit? Wie entsteht Glauben? Für uns dürfen verschiedene Antworten wichtig sein: Glaube entsteht nicht durch Wunder. Glaube wächst langsam in der Auseinandersetzung mit dem Leben und der biblischen Botschaft. Darum müssen wir Ostergeschichten denen erzählen, die im Gegenwind stehen, immer wieder. Das setzt aber voraus, dass wir sie sehen und ihnen zeigen, dass wir sehen, wie sie zu kämpfen haben. Dann erst können wir Osterhoffnung anbieten. 

Glaube entsteht nicht aus der Luft. Er setzt glaubende Vorbilder voraus. In diesem Sinn ist der Glaube eine Kette weitergegebener Hoffnung, von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation. Diese Kette – ganz unabhängig von ihrer Organisationsform – heisst Kirche. In dieser Kette werden Ostergeschichten weitergegeben, Hoffnung wird gepflegt und ausgeteilt.

Glaube lässt sich nicht befehlen, auch nicht anerziehen. Glaube ist ein Geschenk. Wir können nicht mehr tun, als den Samen des Glaubens in die Herzen unserer Mitmenschen zu streuen. Ob er dann wächst? Wir wissen es nicht und beobachten mit Schrecken, wie mancher Glaube im Keim erstickt. Das ist unser Rudern im Gegenwind, wir wünschten uns mehr Erfolg.

Hoffentlich erschrecken wir nicht, wenn Jesus uns zuruft: Keine Panik! Lasst euch nicht entmutigen! Ich bin bei euch!

Ludwig Hesse

 

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