Ausgabe 19-20, 3. bis 16. Mai 2014

Am 22. September 2011 sprach Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag. (Foto: KNA-Bild) Am 22. September 2011 sprach Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag. (Foto: KNA-Bild)


AMOS 7,10–15
Da übersandte Amazja, der Oberpriester
von Betel, Jerobeam, dem König von Israel, folgende Meldung:
«Amos zettelt gegen dich Aufruhr an mitten im Haus Israel; das Land vermag alle seine Sprüche nicht mehr zu ertragen.»
Denn so hat Amos gesagt: «Jerobeam stirbt durch das Schwert, und Israel wird verschleppt, ja verschleppt von seinem Boden weg.»
Zu Amos aber sagte Amazja: «Seher, geh! Flüchte dich in das Land Juda!
Dort iss dein Brot, dort tritt als Prophet auf! Aber in Betel tritt nicht noch einmal als
Prophet auf. Denn Königsheiligtum ist hier, Staatstempel ist hier.»
Da entgegnete Amos und sagte zu Amazja: «Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler. Vielmehr bin ich Viehzüchter und Maulbeerfeigen-Ritzer. Aber JHWH hat mich hinter der Herde weg gegriffen, und JHWH hat zu mir gesagt: ‹Geh, tritt als Prophet auf gegen mein Volk Israel!›»

(Übersetzung: Helen Schüngel-Straumann)

Der Prophet Amos legt sich mit der Staatsmacht an

In fast allen Ländern gibt es Probleme zwischen Religionen und dem Staat. Deswegen setzen die Staaten dem Wirken der Religionsgemeinschaften Grenzen, oder es werden Verträge abgeschlossen, die das Verhältnis zwischen Kirche oder Religion und staatlichen Institutionen regeln. Religion und Staat haben es beide mit Menschen zu tun, mit ­ihren Anliegen, mit ihrem Fortkommen,mit ihrem Wunsch nach Frieden und Wohlstand.

Das Problem ist nicht neu. Schon der Prophet Amos im 8. Jh. v.Chr. hatte einen Konflikt mit einem, der zugleich höchster Priester des Nordreichs Israel in Betel wie auch Staatsbeamter war. Seine Macht war sehr gross, er war dem König in Samaria Rechenschaft schuldig und musste dafür sorgen, dass es im Land ruhig zugeht. 

Amos dagegen war ein Prophet, der direkt von JHWH berufen war, der ihn aus dem Südreich ins Nordreich geschickt hatte, «von der Herde weg», um gegen Israel zu weissagen. Er war also eigentlich von Beruf Bauer und hatte sich nicht in dieses Amt gedrängt. Viele seiner harten Worte hatten für Unruhe und Aufregung gesorgt, so dass Amazja beunruhigt war. Gottes Wort und der Wunsch des Oberpriesters liessen sich nicht in Übereinstimmung bringen, sie standen sich diametral gegenüber. Amos hatte ja sogar den gewaltsamen Tod des Königs Jerobeam prophezeit sowie die Vertreibung des Volkes von seinem Boden. Das fand Amazja so unerhört, dass er dem König meldet, das Land könne die Sprüche dieses Propheten nicht mehr ertragen. Welcher Herrscher lässt sich schon die Grundlage seiner Macht entziehen? Auch Amazja wird ja – nicht nur der König – in seiner Existenz bedroht. Darum sagt er in Vers 13: «Denn Königsheiligtum ist hier, Staatstempel ist hier.» Amos hat also die Staatsmacht des Nordreichs nicht respektiert, für ihn gibt es nur eine Autorität: JHWH.

Der Oberpriester von Betel befindet sich in einer sehr verzwickten Situation. Persönlich ist er dem Propheten nicht einmal schlecht gesinnt, ja er will ihm das Leben retten. Er befindet sich in einer Pflichtenkollision: Einerseits ist er dem König zu Treue und Rechenschaft verpflichtet, aber auf der anderen Seite ist er auch überzeugt, dass Amos ein echter JHWH-Prophet ist. Was soll er also machen? So gibt er Amos den Rat, in seine alte Heimat, ins Südreich Juda zu fliehen, dort sei er in Sicherheit.

Amos kann das Doppelspiel des Amazja nicht akzeptieren. Sein Gott ist nicht auf einen Bereich eingeschränkt, etwa die Religion. Für ihn lässt sich Gott nicht als Garant des Staates oder zum Erhalt einer bürgerlichen Moral und Ordnung missbrauchen. Für Amos ist JHWH der eine, universale Gott, der sich nicht mit Kult und Opfern abspeisen lässt, während man im täglichen Leben sich nicht um ihn kümmert, so wie es Amos immer wieder angemahnt hatte.
Amos hat die Doppelmoral des Amazja nicht akzeptiert. Trotzdem hat er offenbar seinen «pastoralen» Rat befolgt, befolgen müssen. Anders wären uns seine Worte nicht erhalten. Denn das Nordreich wurde wenige Jahrzehnte später von den Assyrern zerstört. 

Helen Schüngel-Straumann

 

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