Ausgabe 11-12, 8. bis 21. März 2014

Protest in der Ukraine: Demonstranten singen am 30. November 2013 vor der St.-Michaels-Kathedrale in Kiew. (Foto: KNA-Bild, Reuters/Gleb Garanich)Protest in der Ukraine: Demonstranten singen am 30. November 2013 vor der St.-Michaels-Kathedrale in Kiew. (Foto: KNA-Bild, Reuters/Gleb Garanich)

JEREMIA 20, 7–8a.11a.13

Du hast mich überredet, Herr,
und ich habe mich überreden lassen;
du bist stärker als ich,
und du hast gewonnen;
den ganzen Tag lang bin ich ein Gespött,
jeder macht sich lustig über mich.
Denn wenn immer ich rede, schreie ich auf.
Gewalttat und Unterdrückung! rufe ich. …
Der Herr aber ist bei mir wie ein mächtiger Held,
deshalb werden meine Verfolger straucheln,
und sie können nicht gewinnen. …
Singt dem Herrn, lobt den Herrn,
denn aus der Hand der Übeltäter
hat er das Leben des Armen gerettet.

(Neue Zürcher Bibel)

«Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Gott helfe mir!»

Martin Luther wird dieser legendäre Satz zugeschrieben. Er soll ihn 1520 vor dem Reichstag in Worms ausgerufen haben. Was er nie beabsichtigt hatte, das wurde Wirklichkeit: Der Bruch mit der römisch-katholischen Kirche. Sein Aufbruch war das Ergebnis seines Zorns. Luther konnte die Zustände in der Kirche nicht länger schweigend ertragen. Dass er aber seine berechtigte Kritik lautstark hinausschrie, hatte für ihn und die Welt Konsequenzen. Einmal losgetreten war die Lawine der Reformation nicht mehr aufzuhalten.

Ich lese die Zeilen aus der 5. Klagerede des Jeremias unter dem Eindruck des Aufstands in der Ukraine. Hinter brennenden Barrikaden harren Menschen aus, die sich durchaus ein angepasstes Leben hätten einrichten können. Sie haben auf ihr Gewissen gehört und sich gegen die Staatsmacht gewendet. In winterlicher Kälte harren sie aus und rechnen jederzeit mit dem Eingreifen des Militärs. Tote hat es gegeben und viele Verwundete. Menschen setzen ihr Leben aufs Spiel, weil ihnen die Treue zu sich selbst und ihren Werten keine andere Wahl lässt. Für die Freiheit riskieren sie alles, auch das Chaos, auch den Tod – als könnten sie nicht anders.

Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, Jeremia oder Martin Luther als heroische Gestalten zu betrachten, von denen wir uns doch grundlegend unterscheiden. Aber die Menschen in Kiew sind keine übergrossen Helden, sie sind so normal, dass es uns schwer fällt, uns abzugrenzen. Ihre Empörung liess ihnen keine andere Wahl. Ich bin geneigt, ihnen den Satz von Martin Luther in den Mund zu legen und ihnen zu glauben.

Wer Gewalt anklagt, der muss mit der Gewalt der Antwort rechnen. Aber manchmal lassen sich die Folgen nicht berechnen. Ich bin schon froh, muss ich nicht ständig schreien, wenn ich den Mund auftue – obwohl, Grund hätte ich allemal. Ich muss nur die Augen aufmachen. Es geht gerade nicht darum, dass ich selbst Opfer von Gewalttat und Unterdrückung bin und darum schreie. Es geht, wenn ich Jeremia recht verstehe, darum, den Opfern, die sich selbst nicht wehren können, die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, egal wie nah oder weit sie von hiesigen Verhältnissen entfernt sind. Und die Welt ist klein geworden, sodass alle Gewalt vor meinen Augen geschieht.
Ich kann mich engagieren, mich einsetzen für Freiheit, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit. Und dabei habe ich das Privileg, meinen Einsatz dosieren zu können. Nein, nicht halbherzig soll er sein! Aber er soll sich im Rahmen des mir Erträglichen halten, denn ich habe andere Grenzen als Luther oder Jeremia. Oder habe ich einfach nur Glück, dass ich meinen Kopf nicht hinhalten muss? Ich wünsche keinem, dass sie oder er zerbricht am eigenen Engagement. Aber ich bin überzeugt, dass alle Opfer (an-)erkannt und unterstützt werden müssen. 

Wirksamer als mein einsam klagendes Ich ist ein kraftvolles Wir. Werden wir (ich mit wem?) die Welt verändern? Ich weiss es nicht, aber ohne engagierte Vernetzung überlassen wir das Feld den Gewalttätern. Und das will ich nicht. Jeremia zog seine Kraft aus unbedingtem Vertrauen auf den Gott, der das letzte Wort haben wird. Diese Sicherheit liess ihn schon lange vor dem Ende der Geschichte das Siegeslied anstimmen, das Loblied auf den Gott, der den Armen rettet, nicht zuletzt, weil er, Jeremia, sich verführen liess, Werkzeug zu sein in den Händen eben dieses Gottes mit der Option für die Armen.

Ludwig Hesse

 

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