Ausgabe 36, 31. August bis 6. September 2013

Wenn man im Verkehr vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht … (Foto: panthermedia.net/Thomas Knauer) Wenn man im Verkehr vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht … (Foto: panthermedia.net/Thomas Knauer)

MICHA 5,6–8
Womit soll ich vor JHWH treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe?
Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern?
Hat JHWH Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl?
Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde?
Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was JHWH bei dir sucht:
nichts anderes als dies Recht tun, Güte und Treue lieben und ganz/besonnen/ehrfürchtig gehen mit deinem Gott.

(Einheitsübersetzung, mit kleinen Änderungen von Helen Schüngel-Straumann)

Vieles ist vorgeschrieben, doch nur etwas ist notwendig

Es gibt so viele Vorschriften, Gebote und Verbote, auf die wir täglich achten müssen. Man stelle sich aber vor, es gäbe etwa keine Stras­senverkehrsordnung, keine Ampeln und keine Schilder – was wäre das für ein Chaos auf allen Strassen und Plätzen. Jeder/jede könnte fahren, wie er/sie will. Wer zu schnell fährt, würde nicht bestraft, es würde sich einfach immer der Stärkere oder Frechere durchsetzen. So sind Regeln und Schilder nötig, damit eine halbwegs gute Ordnung herrscht und jeder auf andere Rücksicht nehmen muss. – Wenn es aber dann zu viele Verbote und Schilder gibt wie an bestimmten Baustellen, dann kann es vorkommen, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.

Bei religiösen Geboten und Vorschriften ist es ähnlich. Wenn es immer mehr werden, verliert man die Übersicht. Vor allem aber kann man dann das Wesentliche nicht mehr vom Unwesentlichen unterscheiden. Es gibt nämlich durchaus eine Rangordnung zwischen einzelnen Regeln. In der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war manches, was gar nicht so zentral war, in die Mitte gerutscht und wurde sehr ernst genommen, so etwa das Nüchternheitsgebot vor der Kommunion. Wehe, wer in der Nacht vorher aus Versehen einen Schluck Wasser getrunken hatte, der durfte dann nicht mehr zur Kommunion gehen. Manche nebensächlichen Vorschriften wurden strenger eingehalten als ganz wichtige, zentrale Sätze. Es gab Leute, die solche Kirchengebote streng einhielten, aber nach den Gottesdiensten ungeniert über ihre Mitmenschen herzogen.

Der Prophet Micha aus dem 8. Jh. v.Chr. spricht auch Menschen an, die vor den zahlreichen Geboten und Verboten fast nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Sie fühlen sich schuldig und glauben, Gott immer mehr opfern zu müssen, um ihn zufriedenzustellen. Einer fragt sogar, ob er Gott seinen Erstgeborenen opfern soll. Das war damals im Orient an manchen Orten üblich. Um den Segen Gottes zu erhalten, gab man ihm das Wichtigste, was man hatte: den Erstgeborenen.

Aber Micha gibt eine unerwartete Antwort: «Ihr wisst doch (eigentlich) ganz genau, was gut ist.» Und dann folgen drei Kernbegriffe, um das Wesentliche vom Zweitrangigen zu unterscheiden. Ähnlich wie Jesus alle Gebote in den einen Satz von der Gottes- und Nächstenliebe verpackt, fasst hier Micha die Quintessenz der grossen Propheten zusammen. Er fängt an mit «Recht üben». Das Recht, das immer wieder gefordert wird, vor allem das Eintreten für die Armen, Unterdrückten und solche, die keinen Rechtsbeistand haben, muss nicht nur gekannt werden, sondern man muss es aktiv tun. Weiter soll der Mensch «Güte» lieben. Das hebräische Wort dafür wird auch für «Treue» verwandt, es ist das, was die Gemeinschaft zusammenhält. Modern könnte man es auch mit «solidarisch handeln» übersetzen. In dieser aufsteigenden Dreiheit kommt zuletzt das Gottesverhältnis: «ganz/besonnen gehen» oder «mitgehen» mit deinem Gott. Das Wort, das häufig mit «fromm» übersetzt wird, meint etwas Ganzheitliches, sich mit Gott auf den Weg machen. Kurz: Recht tun, solidarisch handeln, mit Gott gehen. Damit wird zusammengefasst, womit der Mensch ein gutes Leben führen kann.

Helen Schüngel-Straumann

 

ZUM THEMA

  • Klare Führung für pastorales Zentrum

    Die von rund 35 Seelsorgenden besuchte Sitzung der Pastoralkonferenz (PK) Baselland hat dem Konzept des neuen pastoralen Zentrums der Römisch-katholischen Kirche im Kanton Basel-Landschaft nach wenigen Ergänzungen zugestimmt – allerdings ohne den Anhang über die Organisation. >> mehr...

  • Flüchtlingssonntag: «Zum Wohl der Stadt»

    Zum Flüchtlingssonntag und Flüchtlingssabbat vom 16./17. Juni haben die christlichen Kirchen und die Jüdische Gemeinschaft der Schweiz einen Aufruf unter dem Titel «Zum Wohl der Stadt» an die Bevölkerung gerichtet. Eingeleitet wird der Aufruf mit Versen aus dem Buch des Propheten Jeremia (Kapitel 29, Verse 4–7). >> mehr...

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, sekretariat@kirche-heute.ch