Ausgabe 25, 15. bis 21. Juni 2013

Der Spass wird zur Freude, wenn dabei die Verzweifelten nicht vergessen gehen … (Foto: Kurt Michel_pixelio.de)Der Spass wird zur Freude, wenn dabei die Verzweifelten nicht vergessen gehen … (Foto: Kurt Michel_pixelio.de)


JEREMIA 20, 14–18
Verflucht ist der Tag,
an dem ich geboren wurde,
der Tag, an dem mich meine Mutter geboren hat, er sei nicht gesegnet.
Verflucht ist der Mann, der meinem Vater die Botschaft brachte:
Ein Sohn ist dir geboren worden!
Wie hat er ihn glücklich gemacht!
Jener Mann soll sein wie die Städte,
die der Herr umgestürzt und deren er sich nicht erbarmt hat.
Er wird die Schreie hören am Morgen und den Kriegslärm zur Mittagszeit.
Denn er hat mir nicht den Todesstoss
gegeben im Mutterleib,
und meine Mutter wurde nicht mein Grab,
und ihr Leib blieb nicht schwanger für immer.
Warum kam ich aus dem Mutterleib?
Um Mühsal zu sehen und Qual?
In Schande sind meine Tage vergangen.



Nie ist die Verzweiflung tiefer, als in Zeiten fröhlicher Feste

An schönen und sonnigen Tagen möchte man die Worte des Jeremia nicht hören. Sie stören unsere Daseinsfreude. Ist es nicht wunderbar, in sauberem Wasser baden zu können und unter Schatten spendenden Bäumen zu wandern? Ist es nicht entzückend, den Kindern beim Spielen zuzusehen und selbst zu tanzen? Ist es nicht erfreulich, zufrieden sein zu können mit sich und der Welt? Wer will hier stören?

Bin ich ein Spielverderber, wenn ich in den für viele Menschen heiteren Tagen auf die Verzweifelten hinweise? Aber nie sind sie einsamer, als wenn alle anderen sich dem Vergnügen hingeben. Sie gehören nicht dazu, fühlen sich ausgeschlossen. Nie ist die Verzweiflung tiefer als in Zeiten fröhlicher Feste. Denn dann will niemand ihre Tränen sehen, niemand will ihre Schreie hören. Gerade jetzt muss ich Spassverderber sein und auf die Menschen hinweisen, die an ihrem Leben verzweifeln.

Wer jemals in einer tiefen Depression gesteckt ist, kennt das Gefühl, zu Lebendigkeit oder gar Freude keinen Zugang mehr zu haben. «Selbst der Glaube ist mir verschlossen», sagen mir Patienten in der psychiatrischen Klinik, «ich weiss noch, woran ich eigentlich glaube, aber ich spüre diesen Glauben nicht mehr.» Es gibt diese Krankheit, in der man sein Leben hasst, sich am liebsten wegwirft, keinen Schritt mehr tun will. Es gibt diese Menschen in Lebensnot auch an äusserlich sonnigen Tagen. 

Sicher sind die Worte des Jeremia Ausdruck für einen momentanen, hoffentlich bald vorübergehenden Zustand. Aber wer seine Geschichte kennt, der muss daran zweifeln. Immer angefeindet, immer unbequem, immer in der Opposition, immer Spielverderber. Nur ganz selten hat er Rückenwind und bekommt recht, aber dann leidet er am meisten, dann nämlich, wenn seine Unheilsprognosen eintreffen und die Städte brennen. An solchem Rechthaben kann sich niemand freuen. Und so stürzt Jeremia in Momente der tiefsten Selbstablehnung: «Warum muss ich Ich sein? Warum wurde ich so geboren?»

Niemand hat sich selbst ausgesucht. Das ist meine Botschaft an die Menschen, die Mühe haben, sich mit ihrem Sosein anzunehmen. Es ist ein langer Weg, die Erwartungen der Normalität zu überwinden und sich selbst im Anderssein liebevoll zu akzeptieren. Aber ich schreibe diese Worte hier und jetzt nicht, um denen gute Ratschläge zu geben, die Mühe mit sich haben. Ich schreibe hier, um den anderen, den Fröhlichen, denen, die scheinbar Glück gehabt haben, zu sagen: Vergesst nicht die Verzweifelten an euren fröhlichen Tagen, überhört nicht die Schreie, wenn ihr lacht. Das Lachen, das Geniessen und die Freude finden immer ihren Platz, auch wenn man Augen und Ohren öffnet für die Not des Nachbarn. Schenkt dem Jeremia, in welchem Geschlecht und in welcher Sprache auch immer er euch begegnet, Beachtung und nennt ihn nicht Spielverderber! 

Dann erst hat der Spass die Chance, zur Freude zu werden und die Zufriedenheit zum Frieden. Auch die Gesunden, Schönen und Erfolgreichen haben sich nicht selbst ausgesucht. Frohe Sommertage bieten Platz für alle. 

Ludwig Hesse

 

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