Ausgabe 16, 13. bis 19. April 2013

Fürbittenbuch in der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main. (Foto: KNA-Bild) Fürbittenbuch in der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main. (Foto: KNA-Bild)


 

 

JEREMIA 15,10f.15–18
Weh mir, Mutter, dass du mich geboren hast, einen Mann, der mit aller Welt in Zank und Streit liegt. Ich bin niemands Gläubiger und niemands Schuldner und doch fluchen mir alle.
Fürwahr, Herr, ich habe dir mit gutem Willen gedient, ich bin für den Feind bei dir eingetreten zur Zeit des Unheils und der Bedrängnis. Du weisst es, Herr; denk an mich und nimm dich meiner an! Raff mich nicht hinweg, sondern schieb deinen Zorn hinaus! Bedenke, dass ich deinetwillen Schmach erleide. Kamen Worte von dir, so verschlang ich sie; dein Wort war mir Glück und Herzensfreude; denn dein Name ist über mir ausgerufen, Herr, Gott der Heere.
Ich sitze nicht heiter im Kreis der Fröhlichen; von deiner Hand gepackt, sitze ich einsam; denn du hast mich mit Groll angefüllt. Warum dauert mein Leiden ewig und ist meine Wunde so bösartig, dass sie nicht heilen will? Wie ein versiegender Bach bist du mir geworden, ein unzuverlässiges Wasser.

 

«Gott, ich verzeihe dir, was du mir angetan hast»

Den Ausflug, der mich zur Tüllinger Ottilienkirche führte, werde ich so schnell nicht vergessen. Eigentlich wollte ich wegen eines 1447 geschaffenen Freskos dorthin, welches Maria Magdalena, Maria-Salome und Maria Kleopas mit ihren Salbungsgefässen am Grab Jesu zeigt. Dass in Tüllingen die Magdalenerin und nicht wie sonst üblich die Jungfrau aus Nazaret den «drei Marien» zugezählt wird, verwundert mich schon. Dass der Freskenmaler die Mutter Jesu durch die Magdalenerin ersetzt hat, spielt hier aber keine Rolle. Weit nachhaltiger als diese kunsthistorische Kuriosität beschäftigt mich etwas ganz anderes: In der besagten Ottilienkirche liegt ein Buch auf, in das alle Besuchenden nicht nur ihre Eindrücke und Bitten, sondern auch ihre ganz persönlichen Anliegen und Dankesbezeugungen hineinschreiben können. Beim Blättern stosse ich auf einen höchst ungewöhnlichen Eintrag: «Gott, ich vergebe dir alles, was du mir angetan hast.» 

Gott, ich vergebe dir! Steht eine solche ­Äusserung nicht dem Regelwerk jeder Religion diametral entgegen? Hat man uns denn nicht seit Kindheitstagen eingetrichtert, dass wir immer und lebenslang allen Grund haben, Gott um Verzeihung zu bitten für unsere Verfehlungen? Ihm zu danken für das Gute, das wir durch ihn erfahren durften? Und hier wirft sich eine Schreiberin zur Richterin auf über Gott! Erkühnt sich gar, Gott zu vergeben, was er ihr angetan!

Vor fünf Jahrzehnten hätte ich eine solche Äusserung vermutlich als zynisch oder als gotteslästerlich empfunden. Inzwischen aber kenne ich mich ein klein wenig aus im Buch der Bücher. Nicht nur aus unzähligen Gesprächen mit schmerzgeplagten und leiderprobten Menschen, sondern auch durch die Lektüre der Bibel habe ich gelernt, dass es Situationen gibt, die selbst Gottgläubige überfordern.

Verflucht nicht auch Jeremia den Tag seiner Geburt? «Weh mir, Mutter, dass du mich geboren hast, einen Mann, der (wegen der Sache Gottes) mit aller Welt in Zank und Streit liegt» (Jeremia 15,10).

Angesichts solcher Klagereden und Anklageschreie, die sich gegen Gott selber richten, müssen alle gut gemeinten und religiös verbrämten Trostworte wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Was bleibt ist einzig der Schmerz. Und die Überzeugung, vom Schicksal, vom Leben oder von Gott ums Lebensglück betrogen worden zu sein.
Nichtgläubige werden sich in solchen Situationen mit der Bemerkung hinwegzutrösten versuchen: Sometimes life’s not fair. Und Gottgläubige? Sollen sich einfach in ihr tristes Schicksal fügen und darin womöglich ein Zeichen der göttlichen Vorsehung erkennen?

Was die unbekannte Frau da ins Buch schrieb, scheint mir ehrlich – also kein Ausdruck von Zynismus, sondern ein Zeichen von Glauben. Sie fühlt sich nicht vom Leben oder vom Schicksal, sondern von Gott selber ungerecht behandelt. Und sie nimmt diesen Gott, an den sie glaubt und von dem sie meint, dass er sie fallen liess, ernst. Und schreibt ganz einfach, was sie empfindet: «Gott, ich vergebe dir.»

Wäre es vielleicht besser gewesen, sie hätte geschrieben: Gott, nie und nimmer kann ich dir vergeben, was du mir angetan hast?

Josef Imbach

 

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