Ausgabe 50, 8. bis 14. Dezember 2012

Optimistisch in die Zukunft zu schauen ist in Krisenzeiten keine Selbstverständlichkeit. (Foto: pixelio.de)Optimistisch in die Zukunft zu schauen ist in Krisenzeiten keine Selbstverständlichkeit. (Foto: pixelio.de)

  

 

PROPHET JOEL 3,1–5
(Einheitsübersetzung)

Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgiesse über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen.
Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgiessen in jenen Tagen.
Ich werde wunderbare Zeichen wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der grosse und schreckliche Tag.
Und es wird geschehen: Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet. Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem gibt es Rettung, wie der Herr gesagt hat, und wen der Herr ruft, der wird entrinnen.

(Zitiert in der Apostelgeschichte Kapitel 2,17–21)

 

Grosse kleine Propheten

Man nennt sie «die kleinen Propheten». Doch ihre Kleinheit bezieht sich, wie ich im Studium nachdrücklich gelehrt wurde, auf den seitenmässigen Umfang, nicht auf den theologischen Gehalt. Unter den «kleinen Propheten» (in der Bibel findet man sie unter dem Titel «Zwölfprophetenbuch») gibts nämlich auch theologische Schwergewichte, etwa Hosea und Amos. Auch Joël dürfen wir dazurechnen.

Kleinen Propheten begegne ich auch heute hier und da, beispielsweise wenn ich fürs Firmen unterwegs bin. In den Briefen, in denen die Kinder, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen darlegen, warum sie sich firmen lassen, habe ich schon öfters das Raunen des Heiligen Geist vernommen. Da können die biblischen Verheissungen auf einmal eine höchst aktuelle, einzigartige Frische gewinnen: «Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz» (Psalm 8). «Und du Kind, wirst Prophet des Höchsten heissen …» (Lukas 1,76). Oder wie es Joël kommen sah für die Endzeit: «Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben». Petrus sah diese Prophezeiung an Pfingsten erfüllt, als das Feuer des Heiligen Geistes über die Jüngerinnen und Jünger Jesu kam und sie begannen, die grossen Taten Gottes zu verkünden.

Diesen Herbst lernte ich beim Firmen in einer kleinen Pfarrei einen Knaben kennen, elf oder zwölf Jahre alt. Stefan hiess er. Ich werde seinen Brief nicht vergessen. Auch er antwortete, handschriftlich und ehrlich, auf die Frage «Was bedeutet die Firmung für mich?». Im letzten Absatz schrieb er: «Ich weiss nicht recht, was mir die Firmung in der Zukunft bringt. Aber ich lasse mich gerne überraschen. Ich freue mich auf meine Zukunft. Liebe Grüsse. Stefan.»
Sie haben recht gelesen! «Ich freue mich auf meine Zukunft». Landauf, landab ist von Krise die Rede: Eurokrise, Vertrauenskrise, Wirtschaftskrise, Glaubwürdigkeitskrise, Krisen soweit das Auge reicht. Eine krisengeschüttelte Welt. Und nun kommt da ein Zwölfjähriger, der, so meinen wir klugen Erwachsenen, vom Leben keine Ahnung hat, und sagt ganz ungeschützt, politisch hochgradig unkorrekt, total naiv und sowieso komplett daneben: «Ich lasse mich gerne überraschen. Ich freue mich auf meine Zukunft.» Ich kanns auch jetzt noch kaum fassen. Wann habe ich so etwas zum letzten Mal zu denken und auszusprechen gewagt? «Ich freue mich auf meine Zukunft.» Vermutlich vor einem halben Jahrhundert, da war auch ich zwölf Jahre alt.

Als er dann vor mir stand, dieser Stefan, als ich ihm die Hand auf den Kopf legte und seine Stirn mit dem Chrisam-Kreuz bezeichnete, «da jubelte mein Herz», wie es im Psalm heisst. Ich habe ihm gedankt und gratuliert für sein Wort. Ein Wort, dessen prophetischer Klang mich aufschreckt und beglückt in einem, dessen Zuversicht mich auch ein wenig beschämt. Dass ausgerechnet ein Kind mich über eine fundamentale Wahrheit aufklären muss: «Ich freue mich auf meine Zukunft.» Was könnte es Schöneres geben, einen knappen Monat vor dem Jahreswechsel?

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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