Ausgabe 44, 27. Oktober bis 2. November 2012

Ein syrischer Kämpfer rennt durch die Strassen des zerstörten Vorortes Salaheddine der Stadt Aleppo. Im Bürgerkrieg in Syrien kommen auch Waffen aus der Schweiz zum Einsatz. (Foto: Reuters/Goran Tomasevic)  Ein syrischer Kämpfer rennt durch die Strassen des zerstörten Vorortes Salaheddine der Stadt Aleppo. Im Bürgerkrieg in Syrien kommen auch Waffen aus der Schweiz zum Einsatz. (Foto: Reuters/Goran Tomasevic)

 

JUDIT 16
Judit sang: Stimmt ein Lied an für meinen Gott unter Paukenschall, singt für den Herrn unter Zimbelklang! Preist ihn und singt sein Lob, rühmt seinen Namen und ruft ihn an!
Denn der Herr ist ein Gott, der den Kriegen ein Ende setzt; er führte mich heim in sein Lager inmitten des Volkes und rettete mich aus der Gewalt der Feinde.
Assur kam von den Bergen des Nordens mit einer unzählbaren Streitmacht; die Masse der Truppen verstopfte die Täler, sein Reiterheer bedeckte die Hügel …
Doch der Herr, der Allmächtige, gab sie preis, er gab sie der Vernichtung preis durch die Hand einer Frau …


PSALM 46,9–11
Kommt und schaut die Taten Gottes, der Furchtbares vollbringt auf der Erde.
Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde.
«Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin, erhaben über die Völker, erhaben auf Erden.»
Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg.

(Einheitsübersetzung)


Tödliche Heuchelei

Handgranaten sind zum Töten da. Zumindest sollen sie den Feind kampfunfähig machen. So habe ich es gelernt, 1970 in der RS. Das erste eigenhändige Werfen einer scharfen Handgranate glich einem Initiationsritus. Unzählige Male wurde jede Manipulation durchexerziert, bis zum Umfallen. Dann der grosse Moment. Leutnant Müller kauert neben Rekrut von Sury hinter der Betonwand. Etwas Herzklopfen, das gehört dazu. Ich hantiere an der Waffe. Alles akribisch gedrillt. Den Abreissknopf locker zwischen Mittel- und Zeigefinger der linken Hand. Ein fester Zug, der Zeitzünder zischt – und hopp! über die Mauer. Sofort in Deckung. Detonation. Erleichterung. Alles gut gegangen.

Auch beim Waffenhandel geht normalerweise alles gut. Vor allem still und diskret. Ab und zu freilich gibts eine Detonation, die uns aus dem Schlaf der Gerechten reisst. Eine solche Stinkbombe ging im letzten Sommer hoch. Im syrischen Bürgerkrieg tauchten nämlich in der Schweiz hergestellte Handgranaten auf. Nicht zum Anschauen, sondern zum Töten. Die Aufregung war kurz, die Entrüstung mässig. 2003/04 war mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) vereinbart worden, dass die von der RUAG gelieferten 225 162 Handgranaten weder weiterverkauft noch verschenkt (!) werden dürften; sie sollten einzig der Selbstverteidigung dienen. Vermutlich gegen wildernde Schakale und streunende Wüstenhunde. Dann die krude Rea­lität: Handgranaten sind zum Töten von Menschen da, allen «Nicht­wieder­aus­fuhr­er­klä­run­gen» zum Trotz. Nicht zum ersten Mal entpuppt sich eidgenössische Biederkeit als ausgekochte Heuchelei. Waffenexporte seien unverzichtbar, weil sie Tausende von hoch qualifizierten Arbeitsplätzen sichern. Sagt man. Aber wir wollen auch stolz sein auf unsere humanitäre Tradition. Darum darf man sie nicht zum Töten brauchen, die Handgranaten. Made in Switzerland verpflichtet. «Das Ziel vor Augen. Unsere Munition für Ihren Erfolg» (siehe www.ruag.com/de).

Mitte September, auf dem Flug in den Libanon, wurde der Papst gefragt, was die Kirche tun könne, um das Verschwinden der Christen in Syrien und im Nahen Osten zu verhindern. Seine Antwort: «Es muss endlich dem Waffenexport in diese Länder ein Ende gesetzt werden; denn ohne Waffenimporte könnte der Bürgerkrieg in Syrien nicht weitergehen. Anstatt Waffen zu importieren, was eine schwere Sünde ist, sollten wir Ideen des Friedens, der Kreativität einführen …».

Im Sinn einer kreativen Friedensidee sei an die Prophetin Judith erinnert. Sie war keine zimperliche Frau. Als es nötig war, packte sie an, und wie! Doch sie wusste, wem sie ihre Kraft und Entschlossenheit verdankte: «Deine Herrschaft braucht keine starken Männer, sondern du bist der Gott der Schwachen und der Helfer der Geringen; du bist der Beistand der Armen, der Beschützer der Verachteten und der Retter der Hoffnungslosen» (9,11). So betete sie. Nach vollbrachter Tat sang sie das Lob Gottes: «Der Herr ist ein Gott, der den Kriegen ein Ende setzt.» Folglich auch dem Waffenhandel und der dazugehörigen Heuchelei. 

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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