Ausgabe 35, 25. bis 31. August 2012

Haus an Haus: Die Grenzen zwischen den Gemeinden sind im Häusermeer nicht erkennbar. (Foto: Anna Stübe) Haus an Haus: Die Grenzen zwischen den Gemeinden sind im Häusermeer nicht erkennbar. (Foto: Anna Stübe)

 

JESAJA 5,8–9
Wehe denen, die Haus an Haus reihen, die Feld an Feld rücken, bis kein Raum mehr ist
und ihr allein im Herzen des Landes wohnt!
In meinen Ohren ist der Schwur JHWHs der Heerscharen: Viele Häuser werden verheert sein, grosse und schöne, dass niemand in ihnen wohnen kann!


MICHA 2,1–3
Wehe denen, die auf ihren Lagern Unheil
planen und böse Taten! Wenn der Morgen anbricht, führen sie es aus, weil es in ihrer Macht steht. Sie gieren nach Äckern und rauben sie, nach Häusern und nehmen sie weg, sie unterdrücken einen Mann und sein Haus, einen Mann und seinen Erbbesitz! Darum, so spricht JHWH: Seht, gegen diese Sippe plane ich Unheil, aus dem ihr euren Hals nicht ziehen werdet. Und ihr werdet nicht aufrecht umherstolzieren, denn es ist eine Zeit des Unheils!

Übersetzung: Neue Zürcher Bibel


Propheten gegen Häuserspekulanten und Immobilienkrise

Als ich nach über vierzig Jahren aus Deutschland in die Schweiz zurückkam, habe ich gleich mit Wanderungen rund um Basel angefangen, um meine Heimat wieder besser kennenzulernen. Dabei war ich jedes Mal erschrocken, oft entsetzt, was aus der Schweiz geworden ist. Fast nirgendwo sieht man, wo ein Ort zu Ende ist und der nächste anfängt, alles ist zubetoniert und verbaut. Liest man manche Texte der Propheten aus dem 8. Jh. v. Chr., könnte man fast meinen, sie hätten unsere aktuellen Probleme schon gekannt! In Jerusalem wurde es zur Zeit Jesajas eng: Die Stadt hatte viele Flüchtlinge aus dem zerstörten Nordreich aufzunehmen.

Ein Kollege von mir, der vor einiger Zeit eine sehr kritische Predigt über den ungehemmten Häuserbau und die Zerstörung der Schweizer Landschaft gehalten hat, bekam hinterher Morddrohungen. Damals wie heute machen Propheten sich nicht beliebt, das ist aber auch nicht ihre Aufgabe.

Worum geht es den alttestamentlichen Propheten eigentlich genau? Sind sie prinzipiell gegen die Reichen, oder beklagen sie sich, dass Arme immer ärmer, Reiche dagegen immer reicher werden? Das tun sie an manchen Stellen auch, denn Jesaja und Micha sind im Wesentlichen Unheilspropheten, sie haben ihrem Volk einen Spiegel vorzuhalten. Aber interessant ist, wie sie das tun. Auch Wissenschaftler, Politiker und Soziologen müssen die aktuelle Lage einer Zeit analysieren und daraus Schlüsse ziehen oder auch Ratschläge für die Zukunft geben. Aber wenn Propheten politisch werden, haben sie mehr im Blick: Sie sehen alles im Lichte ihres Gottesglaubens. Im Auftrag JHWHs zeigen sie die Lage und ihre Konsequenzen auf. Die masslose Gier, die immer mehr will, erweist sich als Sucht, die nicht zu bremsen ist. Aber es wäre falsch, Jesaja und Micha nur als Moralprediger zu sehen, die zu Mässigung und Bescheidenheit mahnen. Sie zeigen die tieferen Konsequenzen dieser Missstände auf.

Wenn sie das Unrecht geisseln, weil Menschen ihre Häuser, ihre Lebensgrundlage einbüssen, ist ihnen das Befinden der Schwächeren ein grosses Anliegen. Aber Jesaja sieht auch die andere Seite: Er benennt auch die Konsequenzen für die Gierigen, die Täter, denn sie schaden sich selbst. Wenn kein «Raum» mehr ist, sind sie selber betroffen. Sie isolieren sich, sind dann «allein im Land». Der Prophet sieht nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die Unterdrücker und Häuserspekulanten. Sie sind am Schluss die Dummen. Neben den aufgezählten Strafen nehmen sie nämlich selbst Schaden. Micha benennt zusätzlich ihre Schlaflosigkeit: Ihre Gier geht so weit, dass sie auch in der Nacht keine Ruhe mehr finden, sondern sich überlegen, wie sie noch mehr an sich reissen können. Sie versklaven nicht nur andere, sondern werden selbst zu Sklaven, zu Sklaven ihrer Gier. Andere machen sie unglücklich, sie selbst aber sind alles andere als glücklich und zufrieden. Wer nicht mehr das Wohl aller sieht, bestraft sich letztlich selbst.

Helen Schüngel-Straumann

 

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