Ausgabe 9-10, 25. Februar bis 9. März 2012

Warten auf eine  Diagnose und eine  hoffentlich hilfreiche Therapie. (Foto: Karen Brett/Keystone)Warten auf eine Diagnose und eine hoffentlich hilfreiche Therapie. (Foto: Karen Brett/Keystone)


JOHANNES 5,2–9
In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören. Dieser Teich heisst Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, unter ihnen Blinde, Lahme und anders Behinderte. Ein Mann lag dort, der war schon seit 38 Jahren krank. Jesus sah ihn dort liegen und fragte: «Willst du gesund werden?» Der Kranke antwortete ihm: «Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer hinein.» Da sagte Jesus zu ihm: «Steh auf, nimm deine Bahre und geh!» Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging.

Keine Gerechtigkeit am Teich Betesda

Wenn einer grossen Zahl Leidender eine beschränkte Zahl von Therapieplätzen zur Verfügung steht, dann entsteht das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Wer soll berücksichtigt werden, und wer bleibt ohne Chance?

Es könnte etwa eine Alterslimite geben, nur Jüngere würden behandelt. Man könnte auch sagen, die am heftigsten leiden, würden zuerst berücksichtigt. Nur, wie misst man Leiden? Ist es gerechter, wenn man eine Erkranktenliste macht, und dann wird schön der Reihe nach berücksichtigt? Oder wird man die Wichtigkeit eines Menschen berücksichtigen und etwa einer Mutter kleiner Kinder oder einem Politiker die Therapie eher zubilligen als einem ledigen Arbeitslosen? Es entstehen haufenweise ethische Probleme. 

Solche Fragen gehören zum Alltag der Gremien, die sich mit der Organtransplantation befassen. Die Warteliste ist lang. Viele Leben könnten gerettet werden, gäbe es mehr Spender. Aber es ist eine persönliche Frage, ob jemand Spender oder Empfänger sein will. 

Wenn das Heilmittel selten, der Bedarf aber gross ist, entsteht der Zuteilungskonflikt. Und es kann die in manchen Romanen behandelte Kriminalität entstehen, dass unter Umständen ein Reicher eher zu einem geeigneten Organ kommt als ein Armer. Sicher aber entsteht bei jeder Zuteilung das Problem der Verteilungs-un-gerechtigkeit.

Dass solche Vorkommnisse alt sind, beweist der Text aus dem 5. Kapitel des Johannesevangeliums. Eine grosse Zahl Heilungssuchender lagert am Teich Betesda, und wenn, was selten geschieht, ein Engel das Wasser bewegt, dann wird der erste geheilt, der hinein steigt. Wir können uns das Gerangel vorstellen, zumal keine Behörde da ist, die den Zutritt regelt. Es kommt auf den günstigen Startpunkt an, auf die flinken Helfer, falls man sich solche leisten kann, und auf die Ellenbogen, denn es müssen Konkurrenten zurückgestossen werden. Damit ist klar: Etliche Kranke sind chancenlos.

Dem Kranken, der seit 38 (achtunddreis­sig!) Jahren auf seine Chance wartet, bietet Jesus einen Perspektivenwechsel an. Er soll endlich aufhören, sein Leben als Warterei zuzubringen. Das Starren auf die Wasseroberfläche, um das Aufwallen als Erster zu sehen, kann unmöglich ein Lebensinhalt werden. «Steh auf und zeig, dass du leben kannst!» Vielleicht bist du dann nicht gesund, aber du bist lebendig. Wird das Warten aber zum einzigen Lebensinhalt, dann bleibt vom Leben nicht mehr viel übrig. 

Alle, die auf einer Transplantationsliste stehen oder auf andere Therapieplätze warten, mögen mir bitte verzeihen. Ich wünsche ihnen sehr bald und vor allem rechtzeitig ein Spenderorgan und ein transparentes und faires Zuteilungsverfahren. 

Für sie und uns alle gilt die Botschaft Jesu: Warten allein kann nicht Leben sein. Verteilungsgerechtigkeit mildert ein wenig den Stress. Aber während wir fixiert warten, etwa auf eine längst fällige Beförderung, besteht die Gefahr, dass wir dem wirklichen Leben den Rücken kehren. «Steh auf und zeig, dass du leben kannst!», das ist die Botschaft Jesu, die bei uns allen ankommen will. 

Ludwig Hesse

 

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