Ausgabe 44, 29. Oktober bis 4. November 2011

Staunen über das Schaf, das zur saftigeren Weide sprang. (Foto: Paul Weber/pixelio) Staunen über das Schaf, das zur saftigeren Weide sprang. (Foto: Paul Weber/pixelio)

MARKUS 9,38–40
Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir ­versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.


Unbequem Gutes

Zwei, drei Schritte zurück, den Blick auf den Zaun gerichtet, setzt ein Schaf aus unserer Klosterherde zum Sprung an. Elegant wie ein Pferd lässt es die Umzäunung hinter sich und beginnt genüsslich, auf der gegenüberliegenden saftigeren Weide zu fressen. Beinahe eindrucksvoller als das Schaf, das mit Ziegen aufgewachsen ist und deshalb über eine gekonnte Sprungtechnik verfügt, ist das Verhalten der 25 Schafe, die zurückbleiben. Alle haben zu fressen aufgehört. Regungslos stehen sie da, die Augen auf das Ausreisserschaf gerichtet. Ungläubiges Staunen scheinen sie mit Blick und Haltung auszudrücken. Doch nicht genug, nach ein paar Minuten dieses krimiartig lautlosen Geschehens, bei dem nur das helle Gebimmel des einen Schafes zu hören ist, ein kleiner Anlauf, gefolgt von einem souveränen Sprung, und das kecke Tier steht wieder mitten in der verblüfften Herde.

Bedrängende Gefühle scheinen auch die Jünger zu empfinden beim Hinschauen auf den Unbekannten, der in Jesu Namen Dämonen austreibt. Denn er gehört nicht zu ihrem Kreis. Sein Wirken geschieht in ihren Augen ohne offizielle Erlaubnis. Die Reaktion der Jünger dem ungebetenen Dämonenaustreiber gegenüber war entsprechend abwehrend ausgefallen. Sie hatten versucht, den Fremden an seinem Wirken zu hindern. Wohl ohne Erfolg. Wenn nun Jesus selbst ins Geschehen einbezogen wird, dann um den verunsicherten Jüngern eine Art Schützenhilfe zu bieten. Er soll dem ungebetenen Heiler das Handwerk legen oder ihm verständlich machen, an welche Rahmenbedingungen er sich zu halten hat, wenn er weiterhin wirken will. «Darf der das», scheint darum Johannes Jesus zu fragen, ohne wirklich eine Frage zu stellen. Der Jünger klagt das Verhalten des Fremden an. In seinen Worten schwingt nicht nur Ärger, sondern auch viel Verunsicherung und Angst mit. 

Mit der Antwort, die Jesus gibt, wendet er den Blick der Jünger weg von ungeschriebenen Gesetzen, ja weg von jeglicher Bedingung, an die das Wirken des ungebetenen Mitarbeiters geknüpft werden könnte. Auf das Handeln und dessen Früchte kommt es an. Was die Not eines Leidenden lindert, Gutem den Weg bahnt, Leben fördert und Menschen aufrichtet, bedarf keiner Bedingungen, um Berechtigung zu finden. Ja, es entspricht nicht dem Reich Gottes, um Lebensförderliches herum Zäune zu errichten. Jeder, der seinem Nächsten Gutes zukommen lässt, wirkt mit an dem, was Jesus selber wirkt. Und er gehört zu ihm und dazu.

Die Antwort Jesu sorgte bei seinen Jüngern wohl für überraschte Gesichter. Auch wir heutige Bibellesende können nachempfinden, was sich in den Jüngern nach Jesu Ausführungen abspielte. Manch einer musste und muss mit sich selber ringen, um auch dem unbequemen Guten einen Platz bereiten zu können. 

 Sr. Tamara Steiner, Kloster Baldegg

 

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