Ausgabe 43, 22. bis 28. Oktober 2011

Eine namentlich nicht bekannte Mitarbeiterin der Heilsarmee verteilt in der Weihnachtszeit 2001 in Moskau Suppe an Bedürftige.  (Foto: KNA-Bild)Eine namentlich nicht bekannte Mitarbeiterin der Heilsarmee verteilt in der Weihnachtszeit 2001 in Moskau Suppe an Bedürftige. (Foto: KNA-Bild)

 

1 SAMUEL 28,21–25
Die Frau ging zu Saul und sah, dass er ganz verstört war; sie sagte zu ihm: Deine Magd hat auf deine Stimme gehört; ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, als ich auf das hörte, was du zu mir gesagt hast. Jetzt aber höre auch du auf die Stimme deiner Magd! Ich will dir ein Stück Brot zum Essen geben. Dann wirst du wieder zu Kräften kommen und kannst deines Weges gehen. Er aber weigerte sich und sagte: Ich esse nichts. Doch seine Diener und die Frau drängten ihn, bis er auf ihre Stimme hörte. Er erhob sich vom Boden und setzte sich aufs Bett. Die Frau hatte ein Mastkalb im Haus. Sie schlachtete es in aller Eile, nahm Mehl, knetete Teiag und backte ungesäuerte Brote. Das alles setzte sie Saul und seinen Knechten vor; sie assen, standen auf und gingen noch in der gleichen Nacht zurück.


Eine namenlose gute Hexe

Hiess sie Deborah oder Rahel oder Mirjam? Gott allein weiss es. Denn sie trägt bloss einen Titel, einen unrühmlichen dazu, verbunden mit einer Ortsbezeichnung: Die Hexe von En-Dor. Ich lernte sie kennen vor vierzig Jahren, als ich in Arthur Honeggers Chorwerk «Le roi David» mitsingen durfte. Für mich, den Zwanzigjährigen, eine wunderbare Erfahrung, bei der Aufführung dieses musikalischen Kunstwerkes mitzuwirken. Dort also taucht sie in einer unheimlichen Szene auf, die Hexe von En-Dor. Später, in der Einheitsübersetzung der Bibel, begegnete ich ihr wieder, allerdings unter einer präziseren Berufsbezeichnung: Totenbeschwörerin. Tönt verdächtig! Die Frau tat nämlich etwas, was im alten Israel verpönt und von der Tora strikt verboten war, wie ­übrigens auch die Wahrsagerei. Solche fremdländischen Kultbräuche verunreinigten Jah­wes heiliges Volk (Levitikus 19,31). Saul, der erste König von Israel, setzte das Gebot durch und vertrieb die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land. Bis es ihm, nach dem Tod des Propheten Samuel, der ihn seinerzeit zum König gesalbt hatte, derart «verschissen» ging, dass er genau das tat, was er selber unterbunden hatte. Er suchte eine Totenbeschwörerin auf. Bedrängt von den Philistern, bedrängt vom jungen, erfolgreichen David, merkte Saul, dass sein Stern endgültig am Sinken war. Die Hexe von En-Dor sollte vom toten Samuel in Erfahrung bringen, wie es mit ihm, Saul, weitergehen würde.

Völlig erschöpft trifft er mitten in der Nacht bei der Totenbeschwörerin ein. Sie merkt, dass hier ein gefährliches Spiel gespielt wird. Und tut doch, was der verkleidete Saul von ihr verlangt. Sie lässt Samuels Geist aus der Erde heraufsteigen. Dessen Botschaft ist für Saul niederschmetternd: «Der Herr ist von dir gewichen und ist dein Feind geworden.» Das ist für den König zu viel. Der Schock löst seinen völligen Zusammenbruch aus und führt ihn an den Rand des Wahnsinns.

Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. In der namenlosen Frau regt sich Mitleid. Sie wird für Saul zum barmherzigen Samariter avant la lettre. Sie sieht vor sich nicht den abgehalfterten, gottverlassenen König von ­Israel, sondern einen verstörten und völlig geschwächten Menschen, der Aufmunterung und Zuwendung und vor allem etwas zu essen braucht. Sie tut, was vor ihr Abraham und Sara taten, was später der Vater bei der unerwarteten Heimkehr des verlorenen Sohnes tun wird: Sie schlachtete in aller Eile das Mastkalb. Zuerst bockt Saul wie ein störrisches Kind. Auf gutes Zureden hin steht er schliesslich auf und setzt sich aufs Bett, aufs Bett der Frau, wohlverstanden. Was für eine Szene!

Die Namenlose von En-Dor ist zwar als Hexe und Totenbeschwörerin in die Bibel eingegangen. Doch für mich ist sie wie ein warmes Licht, ein Fanal spontaner Menschlichkeit in düsterer Nacht, ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes nicht nur für Saul, sondern für jeden, der meint, am Ende zu sein. Denn es gibt sie auch heute, die namenlosen guten Hexen. Gott kennt ihre Namen. Das reicht.

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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