Ausgabe 38, 17. bis 23. September 2011

Wer einfache Arbeiten verrichtet, scheint auf den ersten Blick nicht zu Höherem berufen.  (Foto: schoenemann_pixelio)Wer einfache Arbeiten verrichtet, scheint auf den ersten Blick nicht zu Höherem berufen. (Foto: schoenemann_pixelio)

 

1 Sam 16,1–12
Erwählung Davids

Der Herr sagte zum Propheten Samuel: Fülle dein Horn mit Öl, und mach dich auf den Weg zu dem Betlehemiter Isai. Ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen. Als Samuel nach Betlehem kam, lud er Isai und seine Söhne zum Opfer ein. Als sie kamen und er den Eliab, den ältesten Sohn, sah, dachte er: Gewiss steht nun vor dem Herrn sein Gesalbter. Der Herr aber sagte zu Samuel: Sieh nicht auf sein Aussehen. Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht, sondern auf das Herz. So liess Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai: Diese hat der Herr nicht erwählt. Sind das alle deine Söhne? Isai antwortete: Der jüngste hütet gerade die Schafe. Da sagte Samuel: Lass ihn holen. Isai liess ihn kommen. Da sagte der Herr: Auf, salbe ihn! Denn er ist es. Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David.

(Einheitsübersetzung, gekürzt)

Das fünfte Rad am Wagen

Als ich die vierte Primarklasse besuchte, haben wir im Sportunterricht vorzugsweise Handball gespielt. Zuerst beauftragte der Lehrer zwei Alpha-Typen, die Spieler auszuwählen. Klar, dass die Geschicktesten immer zuerst aufgerufen wurden. Mein Name fiel in der Regel zuletzt.

Das ist mir wieder eingefallen, als ich beim Blättern in der Bibel auf die Geschichte von der Erwählung Davids zum König stiess. Im Auftrag Gottes begibt sich der Prophet Samuel zu dem Betlehemiter Isai. Der führt ihm sieben Söhne vor, einen nach dem anderen. Zwar verrät Samuel anfänglich nicht, welchen Auftrag er von Gott erhalten hat. Isai jedoch ahnt gewiss, dass der Prophet nicht bei ihm vorbeischaut, um den Miststock vor seinem Hof zu begutachten.

Als Samuel den Ältesten erblickt, greift er zum Füllhorn mit dem Öl, um ihn zum König zu salben. «Aber Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht», sagt Gott. Wenn schon nicht der Erste und Älteste und auch der Zweite und der Dritte nicht König werden sollen, dann ganz gewiss der Siebte! Doch jedes Mal winkt Gott ab.

Samuel ist irritiert. Erlaubt sich der Allerhöchste vielleicht einen Scherz mit ihm? In seiner Hilflosigkeit fällt ihm nichts Besseres ein, als Isai eine dumme Frage zu stellen: «Das sind also alle deine Söhne?» «Gewiss – das heisst, da wäre noch einer, der jüngste, aber den kannst du vergessen. Der ist das fünfte Rad am Wagen, zu nichts nütze, ausser um die Schafe zu hüten.» «Lass ihn dennoch holen», sagt Samuel. Als David auftaucht, hört Samuel in seinem Inneren die Stimme: «Auf, ihn salbe!»

Wenn wir wissen wollen, was David vor seiner Erwählung empfand, müssen wir uns an das Märchen vom Aschenputtel erinnern. Nach dem Tod der Mutter heiratet der Vater erneut. Seine zweite Frau bringt zwei ältere Töchter in die Ehe, die sie über die Massen bevorzugt. Die jüngste schickt man in die Küche, wo sie bis in die Nacht hinein kochen und kehren und waschen muss. Nicht einmal ihr Bett darf sie behalten. Ihr Ruheplatz ist in der Asche, neben dem Herd.

Menschen, die so behandelt werden, fühlen sich minderwertig. Sie sind nicht einmal mehr fähig zu dem Gedanken, was denn die anderen machen würden, wenn sie nicht deren Schafe hüten oder wenn sie ihnen kein Essen kochen und ihre Wäsche nicht waschen würden.

Aschenputtel und David sind gewissermas sen Geschwister. Scheinbar sind beide zu nichts nütze. Und auf beide wartet ein Königsthron. Beide Male zeigt sich, dass auch und gerade die Unscheinbaren und Kleinen zu Grossem berufen sind, ein Thema, das nicht nur im Märchen auftaucht, sondern sich wie ein roter Faden auch durch die Bibel zieht. Und das auch der Mann aus Nazaret in seiner Verkündigung aufgreifen wird. «Den Weisen und Klugen blieb es verborgen; den Unmündigen aber wurde es offenbart» (Mt 11,25).

Was das Auswahlverfahren beim Handball betrifft, hat mein Selbstwertgefühl nie darunter gelitten, dass ich fast immer als Letzter an der Reihe war. Unter anderem auch deshalb nicht, weil jene, welche sich beim Sport so geschickt anstellten, alles taten, um von mir die Hausaufgaben abschreiben zu dürfen.

Josef Imbach

 

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