Ausgabe 34, 20. bis 26. August 2011

Gedenken an die Opfer des Anschlages am Strand von Utöya nordwestlich von Oslo. (Foto: KNA-Bild)Gedenken an die Opfer des Anschlages am Strand von Utöya nordwestlich von Oslo. (Foto: KNA-Bild)

 

Genesis 4,1–16
(Ausschnitt)
Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiss und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiss und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiss es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. … Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein. Kain antwortete dem Herrn: Zu gross ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. …


Dialog mit einem Mörder

Vor etwas mehr als zwei Monaten wollte ich hier im Pfarrblatt aktuell sein. Ich zitierte Psalm 31,18: «Die Gottlosen müssen zu Schanden werden und schweigen in der Hölle» und nannte als Beispiel Osama bin Laden, den Chef der Al-Qaida, der Anfang Mai getötet wurde, was rund um den Globus viel Siegesgeheul auslöste. Inzwischen ist der «Terrorteufel», wie ihn eine Zeitung nannte, von einem anderen in den Schatten gestellt worden: Anders Behring Breivik. Ein junger schnei­diger Norweger, bei dessen Anblick wohl kaum jemand auf die Idee kommen würde, es handle sich um einen «Terrorteufel» oder ­einen Serienkiller. Wie sie auch immer heissen ­mögen, die Terroristen, Massenmörder und Scheusale aller Zeiten lassen sich auf ­einen Namen zurückführen, der am Anfang der ­Bibel auftaucht, in grauer Vorzeit. Kain, der Erstgeborene seiner aus dem Paradies vertriebenen Eltern Adam und Eva, eröffnet eine endlos böse Geschichte. Brudermörder. Wahrhaftig, kein schmeichelhafter Titel.

Namen, die heute Inbegriff des Grauens sind, gehen morgen schon vergessen. Kain bleibt aktuell bis zum Schluss. Er erinnert daran, dass die Beziehungen von Mensch zu Mensch oft gewalttätig sind. Warum? Wo liegt die Wurzel des Desasters? Keine Flamme so heiss, keine Wunde so tief wie die Erfahrung, Opfer einer vermeintlichen oder tatsächlichen Ungerechtigkeit geworden zu sein. «Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht.» Punkt. Ohne Angabe von Gründen. Es verwundert nicht, dass später versucht worden ist, Abel als den Gerechten, seinen Bruder hingegen als den Ungerechten hinzustellen (vgl. Hebr 11,4; 1 Joh 3,12); darum habe Gott sich so entschieden. Doch damit wird die Erzählung moralisiert und verharmlost. Sprechen wir es aus: Gott entscheidet willkürlich. Das macht uns zu schaffen. Es bleibt eine grosse, unseren Glauben gelegentlich überfordernde Aufgabe, mit der Unerklärbarkeit solcher Ungleichbehandlung fertig zu werden. Der Herr ist niemand Rechenschaft schuldig. Göttliche Souveränität, um es weniger anstössig zu benennen.

Die Folge ist, dass die Kommunikation von Bruder zu Bruder abbricht. Die hebräische Bibel zeigt das an mit dem unfertigen Satz: «Kain sagte zu seinem Bruder Abel –. Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an.» Kain entlädt die Wut übers erlittene Unrecht am unschuldigen Bruder. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Eine Blutspur von Neid, Schuld und Rache zieht sich fortan durch die Geschichte.

Ein Lichtblick? Vielleicht der Umstand, dass Abels Blut zum Himmel schreit und nicht zum Schweigen gebracht werden kann. Vor allem aber wohl die Tatsache, dass Gott in Kontakt tritt mit Kain und ihn anspricht. Ihm eine bohrende Frage stellt. Die Katastrophe bringt Gott dazu, das Gespräch mit dem Menschen aufzunehmen und in Rede und Gegenrede nach einem Ausweg zu suchen aus einer heillosen Situation. Ausgerechnet der Brudermörder Kain wird Gottes Gesprächspartner. Eine Botschaft, die ihre Aktualität niemals verlieren wird.

Abt Peter von Sury, Mariastein

 

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