Ausgabe 33, 13. bis 19. August 2011

Als Gott den Himmel festmachte, war die Weisheit dabei; als er den Horizont abgrenzte über der Urflut. (Foto: Stefan Laszczyk)Als Gott den Himmel festmachte, war die Weisheit dabei; als er den Horizont abgrenzte über der Urflut. (Foto: Stefan Laszczyk)

 

Sprüche 8,22–31
JHWH schuf mich als Erstling seines Waltens,
als Uranfang seiner Werke von damals.
Seit jeher bin ich geformt,
seit Anbeginn, seit den Urzeiten der Erde.
Als es noch keine Urfluten gab, wurde ich geboren,
als es noch keine Quellgründe gab, schwer vom Wasser.
Bevor Gebirge eingesenkt wurden,
vor den Hügelzügen wurde ich geboren,
als er noch keine Erde gemacht hatte und keine Steppen
und nicht die Masse des losen Erdreichs.
Als er (dann) den Himmel festmachte, war ich dabei,
als er den Horizont abgrenzte über der Urflut,
als er den Wolken droben Kraft verlieh,
als die Quellen der Urflut mächtig wurden,
als er dem Meer seine Grenzen setzte …,
als er die Fundamente der Erde festlegte.
Ich war bei ihm, einem Meister,
ich war (nichts als) Wonne Tag für Tag,
lachend und scherzend vor ihm die ganze Zeit auf dem Festland seiner Erde
(und meine Wonne ist es, bei den Menschen zu sein).

Übersetzung: Othmar Keel


Sophia – Gottes weibliches Gesicht

Auf dieser Seite werden in den kommenden Monaten Personen oder Figuren aus der Bibel, die weniger bekannt sind, ins Licht gerückt. Zahlreiche männliche und weibliche Personen wurden in der Überlieferung übergangen, manchmal ganz vergessen. Betroffen davon sind mehr Frauen als Männer. Viele Frauen werden in der Bibel ohne Namen angeführt, sogar wenn von ihnen berichtet wird, dass sie Wichtiges getan haben. Im Laufe der Geschichte wurden sie zumeist als Randfiguren betrachtet und schliesslich vergessen.

Als Alttestamentlerin möchte ich zu Anfang nicht eine menschliche Frau vorstellen, sondern eine weibliche Figur, die in den letzten Jahrhunderten des Alten Testaments – und dann auch im Neuen – eine ganz zentrale Rolle spielte. Sie ist zwar alles andere als eine Randfigur, wird aber meist als solche behandelt. Im aktuellen Bewusstsein, vor allem in der kirchlichen Verkündigung, ist sie kaum lebendig. Es ist die Weisheit, griechisch Sophia, die immer als Frau vorgestellt wird. Sie ist mehr als eine Idee oder übertragene Redeweise. In Sprüche 8 ist sie das erste Geschöpf Gottes, sie ist Ratgeberin und zuständig für eine gerechte Weltordnung (vgl. auch andere Bibelstellen wie Sir 1 und 24, Ijob 28). Als Verbindung zwischen Himmel und Erde wird sie in der Spätzeit oft zusammengestellt mit der Geistkraft (rûach), die aber nie als Person, sondern ausschliesslich als Kraft Gottes erscheint. Sophia aber wird in Bild und Wort als himmlische Frau vorgestellt, als Gottes weibliches Gesicht. Sie verkörpert die Zuwendung und Nähe zu den Menschen, «ihre Freude ist es, bei den Menschenkindern zu sein» (Spr 8,31).

Der Monotheismus, der Glaube an den ­einen Gott JHWH, war in dieser Spätzeit in Israel fest verankert. Die Theologen jener Zeit sahen – ganz im Gegensatz zu heute – keinerlei Schwierigkeit, sich Gott auch in weiblicher Gestalt vorzustellen und zu verkünden. Dadurch wurde den starken orientalischen Göttinnen, vor allem der ägyptischen Hator, Ma’at und Isis, der Wind aus den Segeln genommen. Sophia bekommt sogar ein eigenes biblisches Buch, das Buch der Weisheit (vgl. vor allem Kap. 6–11), das späteste Buch des Alten Testaments. Von dieser Frauengestalt wird ausgesagt:

Ist sie doch schöner als die Sonne
und höher als die Sterne.
Verglichen mit dem Licht
erweist sie sich als strahlender;
denn dieses wird gefolgt von der Nacht,
während die Weisheit nicht vom Übel
überwunden wird.
Machtvoll entfaltet sie ihre Kraft von einem Ende zum andern,
und sie durchwaltet voll Güte das All! (Weish 7,29–8,1)

In christlicher Zeit gab es an zahlreichen Marienfesten Lesungen aus dieser Weisheitstradition. So habe ich als Kind gemeint, die Aussagen über Sophia seien von Maria gemacht worden. Dies ist aber eine Fehlinterpretation. Das 2. Vatikanische Konzil hat diese Texte aus den Lesungen der Liturgie gestrichen. Die weibliche Weisheitsgestalt wurde in den letzten Jahrzehnten für die Spiritualität vieler Frauen – aber auch für Männer – eine grosse Bereicherung, ja eine Identitätsfigur. Sie zeigt das menschenfreundliche, weibliche Antlitz Gottes in einem neuen Licht.

Helen Schüngel-Straumann

 

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