Ausgabe 14, 2. bis 8. April 2011

Selbst Kain erhält noch einmal eine Chance, das Zeichen des Herrn schützt ihn vor allen Feinden. Holzschnitt von Albrecht Dürer.Selbst Kain erhält noch einmal eine Chance, das Zeichen des Herrn schützt ihn vor allen Feinden. Holzschnitt von Albrecht Dürer.

Esra 9, 6–15
Mein Gott, ich schäme mich und wage nicht,
die Augen zu dir, mein Gott, zu erheben.
Denn unsere Vergehen sind uns über den Kopf gewachsen;
unsere Schuld reicht bis zum Himmel.
Seit den Tagen unserer Väter sind wir in
grosser Schuld.
Was ist alles über uns gekommen
wegen unserer bösen Taten und unserer
grossen Schuld!
Dabei hast du, unser Gott, unsere Schuld mit Nachsicht behandelt
und uns diese Schar von Geretteten gelassen.
Können wir nach alledem von neuem deine Gebote brechen
und uns mit diesen gräuelbeladenen Völkern verschwägern?
Musst du uns dann nicht zürnen, bis wir ganz vernichtet sind,
sodass kein Rest von Geretteten mehr
übrigbleibt?
Herr, Gott Israels, du bist gerecht;
darum hast du uns als geretteten Rest übriggelassen,
wie es heute der Fall ist.
Nun stehen wir vor dir mit unserer Schuld.

gekürzt

Ein Schuldbekenntnis

Das Buch Esra, in welchem sich dieser Busspsalm findet, schildert die Neubegründung des religiösen Lebens der aus dem babylo­nischen Exil (586–583    v.Chr.) zurück­gekehrten Juden. Beauftragt mit der Neuordnung der Verhältnisse ist der Priester und Schriftgelehrte Esra. Seine Memoiren beginnen mit dem 27. Vers des siebten ­Kapitels des Esra­buches. In diesem autobiografischen Teil findet sich auch das berühmte Schuldbekenntnis. Esra spricht es, nachdem ihm zu Ohren gekommen ist, dass viele seiner Landsleute entgegen dem göttlichen Verbot (vgl. Dtn 7,1–4) in die heidnische Bevölkerung ihrer Umgebung eingeheiratet haben und deshalb dem Götzendienst verfallen sind.

Dieses Gebet ist auch ohne nähere Kenntnis der historischen Details nachvollziehbar. Der Beter bringt ja eine Erfahrung zum Ausdruck, die jeder Mensch macht, wenn er über sich selber nachdenkt: Ich habe meine Verantwortung nicht wahrgenommen; ich bin schuldig geworden, ich habe versagt.

Diese Erkenntnis jedoch führt bei Weitem nicht immer zur Anerkennung der Schuld. Sind wir denn nicht ständig versucht, unsere Schuldgeschichte in eine Entschuldigungsgeschichte umzubiegen? Wir verweisen darauf, dass andere viel Schlimmeres getan haben. Wir neigen dazu, unsere Verantwortung abzuwälzen auf Höhergestellte und Vorgesetzte. Wir bringen die herrschenden Verhältnisse ins Spiel und die gegebenen Umstände. Und sehen uns plötzlich nicht mehr als Schuldige, sondern als Opfer.

Für uns ist es heute selbstverständlich, dass vor allem die Human- und Gesellschaftswissenschaften zur Schuldbeurteilung herangezogen werden. Hinter die Erkenntnis, dass unsere Freiheit und damit unser Handlungsspielraum und die Verantwortung eingeschränkt sind, können wir nicht mehr zurück. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Klärung der Schuldfrage auf eine «Erklärung» der Schuld hinausläuft, die so aufgehoben wird. Wenn die Bibel häufig von der Schuld des Menschen spricht, dann geschieht dies bestimmt nicht deswegen, weil sie uns Schuldkomplexe anhängen will. Nach biblischer Überzeugung ist der Mensch eben nicht bloss ein Spielball anonymer Mächte und dunkler Verhältnisse, sondern für sein Handeln verantwortlich. Indem die Verfasser der Heiligen Schrift grundsätzlich an der Schuldfähigkeit des Menschen festhalten, erinnern sie uns an unsere Verantwortung. Pointiert ausgedrückt: Die Würde des Menschen besteht auch und gerade darin, dass er schuldig werden kann. Ohne eine (wie immer eingeschränkte) Freiheit gäbe es auch keine Schuld. Dass wir immer wieder einmal schuldig werden, gehört zu unserer Tragik. Zum Glück aber haben wir in jedem Augenblick unseres Lebens auch die Möglichkeit, umzudenken und umzukehren und uns zu ändern.

«Seit den Tagen unserer Väter sind wir in grosser Schuld», sagt Esra. Tatsächlich ist die ganze Geschichte des Gottesvolkes eine Geschichte von Schuld und Umkehr und Vergebung – und von Neuanfängen. Esra erinnert sich daran, dass Gott seinem Volk immer wieder vergeben hat, weil seine Liebe unendlich viel grösser ist als alle Untreue der Menschen. Gott legt uns nicht auf unsere Vergangenheit fest, sondern eröffnet uns eine Zukunft. Und zeigt uns so, wie wir uns anderen gegenüber verhalten sollen. Statt zu sagen: Du hast dies oder jenes getan, wäre es da nicht besser, zu fragen: Meinst du nicht, dass wir einen neuen Anfang versuchen sollten? 

Josef Imbach

 

ZUM THEMA

 

Kirche heute
Innere Margarethenstrasse 26, 4051 Basel, Tel. 061 363 01 70, sekretariat@kirche-heute.ch