Ausgabe 5, 29. Januar bis 4. Februar 2011

Das Entscheidende findet sich in den Zwischenräumen … (Foto: Stephan Bratek/pixelio)Das Entscheidende findet sich in den Zwischenräumen … (Foto: Stephan Bratek/pixelio)


Psalm 38,19
Ja, ich bekenne mein Vergehen,
bin bekümmert ob meiner Verfehlung.

(Übersetzung: Kurt Marti)


Raum für Gefühle und Glauben

«Ja, ich bekenne mein Vergehen, bin bekümmert ob meiner Verfehlung.» Wer könnte solche Worte sprechen? Es hört sich an wie ein Wendepunkt, wie Sehnsucht nach Neubeginn. Vielleicht könnte diese Worte der sogenannte verlorene Sohn aus dem Gleichnis in Lukas 15 beten: In dem Moment, in dem er sich entscheidet: «Ich steh auf, wandere zu meinem Vater und sage zu ihm: ‹Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.›» Wie fühlt sich diese Entscheidung wohl für ihn an? Vielleicht ist er erleichtert und voller Vorfreude. Vielleicht fragt er sich, ob der Vater ihn anhören wird. Dieser zögert keinen Augenblick, der Vater sieht den Sohn schon von Weitem und läuft ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. 

Wie konnte der Vater den Sohn schon von Weitem sehen? Hat er etwa Ausschau gehalten? Ging er gerade zufällig am Tor vorbei? Und dann umarmen sie sich. Der Sohn vielleicht schüchtern, besorgt, der Vater voll Mitleid, erleichtert und anscheinend ohne jede Bitterkeit. Eigentlich ist durch diese Geste schon klar, dass der Sohn sich wieder willkommen fühlen darf. Aber der Sohn sagt trotzdem noch, was er sich vorgenommen hatte, als er dort bei den Schweinen sass. Er sagt: «Ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir, ich bin es nicht wert dein Sohn zu heissen.» Warum sagt er das noch? Vielleicht weil ausgesprochene Worte eine neue Realität schaffen, weil erst dadurch etwas heil werden kann. Vielleicht aber auch, weil er immer noch zweifelt, ob der Vater seine Geste wirklich so meint, und er daher das Ungesagte aussprechen und vor allem auch hören muss. Und die Mutter? Vielleicht ist sie tot, vielleicht aber sieht sie die Szene und kommt ebenfalls dazugelaufen.

Finden Sie, dass das etwas viele «Vielleichts» sind? Vom Text her sind diese Fragen nicht eindeutig beantwortet. So wissen wir nicht, wo der Vater in dem Moment ist, als der Sohn heimkommt. Wir wissen weder welche Rolle die Mutter in dieser Geschichte spielt, noch warum der Sohn eigentlich sein Erbteil eingefordert hatte. Aus Zorn über den Vater, den Bruder oder einfach aus Abenteuerlust?

Weil es zwischen den Buchstaben im Text auch Lücken und Leerstellen gibt, spricht die jüdische Tradition vom «schwarzen und weis­sen Feuer». Das «schwarze Feuer» sind die Buchstaben, an denen kein Jota verändert werden darf, denn jeder Punkt hat in der hebräischen Sprache eine grosse Bedeutung, da Konsonanten durch Punkte um die Buchstaben ausgedrückt werden. Wobei der biblische Text allerdings ohne Punkte niedergeschrieben wurde. Das «weisse Feuer» ist also das, was sich «dazwischen» abspielt: Zwischen den Buchstaben, zwischen den Personen im Text und zwischen Text und Leser/in. Durch dieses weisse Feuer entsteht ein Raum, in dem ich mich mit meiner Vorstellungskraft, meinen Gefühlen, Fragen und meinem Glauben einschreiben kann in diese heiligen Schriften. Ein neuer Weg, die Bibel so gemeinsam zu lesen und uns nahe kommen zu lassen, heisst Bibliolog. Es ist eine grosse Chance für uns Lesende. Und ich wünsche uns allen Mut und Raum, dieses weisse Feuer zu schüren, damit die Texte heute lebendig werden und wir darin Sinn finden können. 

Kerstin Rödiger, Theologin


 

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