Ausgabe 6-7, 7. bis 20. Februar 2010

 

Psalm 139,1–4.7–10

Gott, du hast mich erforscht und du
kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weisst von mir.
Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt.
Du bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der
Zunge – du, Gott, kennst es bereits. (…)
Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist,
wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Steige ich hinauf in den Himmel,
so bist du dort;
bette ich mich in der Unterwelt,
bist du zugegen.
Nehme ich die Flügel des Morgenrots
und lasse mich nieder am äussersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen
und deine Rechte mich fassen.

Einheitsübersetzung 


Eine Frage der Perspektive

Gott weiss alles, sieht alles, hört alles – und ahndet alles. Nichts bleibt ihm verborgen. Was diese Vorstellung bei manchen Gläubigen auslöst, hat Eugen Roth in seinem Gedicht «Unter Aufsicht» gezeigt:

Ein Mensch, der recht sich überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen.
Er bittet schliesslich ihn voll Grauen,
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht allein
inzwischen brav und artig sein.
Doch Gott, davon nicht überzeugt,
ihn ewig unbeirrt beäugt.

Das ist natürlich ironisch gemeint. Zu welchen seelischen Tragödien diese Sichtweise gelegentlich führt, illustriert der Psychoanalytiker Tilmann Moser in seiner autobiografischen Schrift «Gottesvergiftung», in welcher er diesen Gott persönlich anredet, bevor er ihm den Rücken kehrt: «Ich sass wie in einer Falle mit dir. Alle mir wichtigen Menschen zeigten keinerlei Zweifel, dass es dich gebe und du ansprechbar, verständnisvoll, gütig, gerecht, gar ‹lieb› und ‹barmherzig› seiest. Gleichzeitig galt es als ausgemacht, dass bei dem, der dich nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt. Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier, in einem Experiment ohne Ausweg. (…) Du hast es fertiggebracht, dass ich während langer Zeit mein Leben als grausames Experiment in deiner Hand erfuhr, bei dem du unentrinnbar der Stärkere warst.»

Diese Erfahrung hängt offensichtlich mit einer religiösen Erziehung zusammen, welche meinte, die Menschen zum Guten motivieren zu können, indem sie sie daran erinnerte, dass Gott auch die geheimsten (also die schlimmen) Gedanken und die verborgensten (will sagen verbotenen) Wünsche kennen würde. Und entsprechend reagiere.

Geborgenheit, nicht Bedrohung
Der Psalmist hingegen sieht die Dinge ganz anders. Für ihn stellt Gott keine Bedrohung dar. Er weiss sich von Gott begleitet und geführt. Das Bewusstsein von Gottes Nähe gibt ihm Sicherheit und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit. Dabei verhält es sich nicht so, dass der ‹liebe Gott› die Züge eines schulterklopfenden Kumpels annimmt, der zu allem Ja und Amen sagt («Wir sind eben alle nur Menschen und hauen gelegentlich über die Stränge …»). Der Beter schleicht sich nicht aus der Verantwortung. Wohl aber vertraut er darauf, dass er trotz seiner Fehler und ungeachtet seines Versagens von Gott angenommen ist: «Du umschliesst mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. (…) Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich, und erkenne mein Denken! Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt, und leite mich auf dem altbewährten Weg» (Psalm 139,5–6 und 23…24).

Biblische Texte können sehr verschiedene Reaktionen in uns auslösen. Wenn wir sie unerträglich finden, sollten wir uns vielleicht zuerst einmal fragen, aus welchem Blickwinkel wir sie lesen – und ob diese Perspektive nicht der Korrektur bedarf.

Josef Imbach


 

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