Ausgabe 49, 5. bis 11. Dezember 2010

Für den Beter von Psalm 6 ist der Ewige einer, der hinhört.Für den Beter von Psalm 6 ist der Ewige einer, der hinhört.

Psalm 6

Für den Chormeister. Mit Saitenspiel nach der Achten. Ein Psalm Davids.

Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn
und züchtige mich nicht in deinem Grimm!
Sei mir gnädig, Herr, ich sieche dahin;
heile mich, Herr, denn meine Glieder zerfallen!
Meine Seele ist tief verstört.
Du aber, Herr, wie lange säumst du noch?
Herr, wende dich mir zu und errette mich,
in deiner Huld bring mir Hilfe!
Denn bei den Toten denkt niemand mehr an dich.
Wer wird dich in der Unterwelt noch preisen?
Ich bin erschöpft vom Seufzen,
jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett,
ich überschwemme mein Lager mit Tränen.
Mein Auge ist getrübt vor Kummer,
ich bin gealtert wegen all meiner Gegner.
Weicht zurück von mir, all ihr Frevler;
denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört.
Gehört hat der Herr mein Flehen,
der Herr nimmt mein Beten an.
In Schmach und Verstörung geraten all meine Feinde,
sie müssen weichen und gehen plötzlich zugrunde.


Trotz Kummer den ersten Schritt tun

«Ich dachte, du wollest nichts mehr von mir wissen», hörte ich eine Freundin sagen, als ich nach intensiven Arbeitstagen und entsprechender Stille meinerseits bei ihr anrief. «Wie kommst du denn auf so was?», war ich versucht zu fragen. Doch die Freundin sprach weiter: «Weisst du, ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass ‹Funkstille› nichts Gutes bedeutet.» Und das wendest du nun auf alle Menschen an, dachte es in mir weiter, noch immer voller Staunen über die Interpretation, die mein Schweigen erfahren hatte. 

Der Beter in Psalm 6 hat einiges gemeinsam mit meiner Freundin, wenn auch auf viel lebensbedrohlichere Art. Die Sorgen, die ihn quälen und nicht schlafen lassen, sind wohl nicht gering. Ganze Nächte lang weint er und wälzt sich im Bett von einer Seite auf die andere. Wir dürfen vermuten, dass er in einer zwischenmenschlichen Auseinandersetzung steht, denn er spricht von Gegnern. Die Brisanz seiner Situation wird deutlich, wenn wir ihn sagen hören: Ich bin entsetzt bis in meine Knochen hinein (Vers 3b einer Übersetzung von Leopold Zunz). Wir wissen nicht genau, worüber der Autor sich solcherart entsetzt und grämt. Doch wir erleben als Lesende und Betende sehr eindrücklich, wie dieser vom Leben verstörte Mensch versucht, Kummer, Sorgen und Entsetzen zu deuten und mit ihnen irgendwie zurechtzukommen. 

Seine Not schreit er weder in einen leeren Raum noch an eine Wand. Nicht einmal als einsam Klagender fällt er aus der Beziehung zu seinem Gott heraus. Kummer und Elend bringt er ins Wort und schleudert sie dem Ewigen entgegen mit dem unüberhörbaren Kommentar: Da schau her, das ist es, was mein armseliges Leben jetzt ausmacht. Und er wirft auch alle unbequemen Fragen auf seinen Gott: Hat mein Unglück irgendwie mit dir zu tun? Bist du gar erzürnt über mich und lässt mich solcherart deinen Zorn spüren? Geschickt bringt er ein leicht feilschendes Argument für seine eigene Person ins Spiel, das die Hilfe des Ewigen mobilisieren sollte: Wenn ich an meinen Sorgen sterbe, verstummt auch mein Lobpreis auf dich und deine Taten. Und das kann doch nicht dein Wille sein. Viel Markantes tritt in unser Leben ein, ohne «Gebrauchsanweisung» oder Hinweise auf ein sinnvolles Zurechtkommen damit. Für den vom Leben erzwungenen Umgang mit Krankheit, Unrecht, Enttäuschung und Leid sind wir auf persönliche Interpretations- und Deutungsversuche angewiesen, ohne Garantie, damit richtig zu liegen.

Der Beter in Psalm 6 greift bei den Deutungsversuchen seines Unglücks zurück auf das gesamte Repertoire an Erfahrungen mit seinem Gott. Er bezieht auch das mit ein, was seine Vorfahren erlebt haben im Unterwegssein mit dem Ewigen. Eine Eigenschaft ragt da besonders heraus. Der Ewige ist einer, der hinhört und zuhört. Er hört den Menschen, der sich an ihn wendet. Das Klagen, Flehen und Jammern eines Notleidenden, sein Bitten und Beten verstummen nicht ungehört. Der Psalmist erfährt eindrücklich: Wer Unglück und Leid aus der Beziehung mit seinem Gott heraus anzuschauen und zu interpretieren wagt, hat unbemerkt den ersten Schritt getan hin auf gelingendes Leben, trotz Kummer und Sorgen.

Sr. Tamara Steiner, Kloster Baldegg

 

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