Ausgabe 29-31, 18. Juli bis 7. August 2010

Psalm 119

Meine Seele klebt am Boden.
Durch dein Wort belebe mich!
Ich habe dir mein Geschick erzählt und du erhörtest mich.
Lehre mich deine Gesetze!
Lass mich den Weg begreifen, den deine
Befehle mir zeigen,
dann will ich nachsinnen über deine Wunder.
Meine Seele zerfliesst vor Kummer.
Richte mich auf durch dein Wort!
Halte mich fern vom Weg der Lüge;
begnade mich mit deiner Weisung!
Ich wählte den Weg der Wahrheit;
nach deinen Urteilen hab ich Verlangen.
Ich halte an deinen Vorschriften fest.
Herr, lass mich niemals scheitern!
Ich eile voran auf dem Weg deiner Gebote,
denn mein Herz machst du weit.


Einheitsübersetzung


Ich will nachsinnen über deine Wunder

Den Blick auf den Boden gerichtet, die Gedanken am Kreisen und Drehen um ein und dieselbe Sache, die Schultern hochgezogen und ein brennender Schmerz in der Brust – so fühlt es sich an, wenn Sorgen einen gefangen halten. Alles erscheint schwer und grau übertüncht. Es ist, als hätte sich die Seele in eine Ecke verkrochen. Pulsierendes Leben vermag nicht mehr vorzudringen bis in die Enge der eigenen Sorgenwelt. Lebendiges droht zu erlahmen und zu ersticken. 

Der Autor von Psalm 119 kennt den inneren Zustand aus dem eigenen Erleben. Für die Niedergeschlagenheit wählt er nicht Worte, er wählt ein Bild. Es zeigt den leidenden Menschen nicht in seiner Körperhaltung, sondern in seiner Haltung dem Leben gegenüber. Er sagt: «Meine Seele klebt am Boden.» 

Eindrücklich wirkt die Perspektivlosigkeit dieser Situation. Kein Blick in die Weite, keine freien Bewegungen. Leben fühlt sich an wie eine zähe Masse, die sich mit dem Staub der Strasse vermengt und Vorankommen verunmöglicht.

Das Bild ist einfühlsam gewählt, doch der Psalmist mag hier nicht verweilen. Er will nicht im Karussell seiner Gedanken festsitzen. Darum hält er Ausschau nach etwas, das ihn motivieren könnte, seinen Lebensweg wieder unter die Füsse zu nehmen. Er besinnt sich auf Zusammenhänge, die sein gesamtes Leben umspannen. Wozu ist er da? Was soll gerade er in die Welt hineinschaffen? Um diese Fragen beantworten zu können, wendet er sich an den Ewigen. Die eigentliche Wende von der Krise zur Chance vollzieht sich im Wagnis, den Blick von der eigenen Not abzuheben. Der Psalmist spürt tief im Innern, dass er selbst nicht den nötigen Weitblick für sein Leben hat. Was ist da zu tun? Er beginnt erst einmal, seine Not und alles, was ihn beschäftigt, in Worte zu fassen. Und er erzählt dem Ewigen sein Geschick: Er steckt fest. Daraufhin wagt er zu bitten: «Lass mich meinen Weg begreifen, der mir unverständlich ist. Lass mich erkennen, wohin das alles führen wird, wohin du mich führen willst. Ja, lass mich erahnen, was du mit mir im Sinn hast. Durch dein Wort belebe mich. Dann wage ich wieder Schritte zu tun!»

Auf das Handeln des Ewigen gilt es zu schauen. Dann wird sein Wort lebendig und kraftvoll. Der Psalmist schaut auf sein Leben und benennt die Perspektive seines Blicks: «Ich will nachsinnen über deine Wunder.»
Wo gibt es das Wunderbare, das mein Leben bedeutungsvoll macht, auch wenn ich weithin eingebunden bin in Unscheinbares und Alltägliches? Wo weist mich das Leben hin auf Zusammenhänge, die vielleicht nicht in den äusseren Erfolg führen, mir jedoch die Würde zusprechen, die mir vom Ewigen her zukommt und mich einmalig und bedingungslos wertvoll macht? Antworten auf diese Fragen machen sichtbar: Sogar im Misserfolg kann Erfüllung liegen, im Leid kann Sinnvolles aufkeimen und so die wahre Grösse des Menschen aufscheinen. Nicht nach menschlicher Logik und menschlichem Leistungs-Lohndenken gilt es die Dinge zu betrachten, sondern aus einer diametral andern Perspektive. Das Wirken des Ewigen setzt neue und ungeahnte Prioritäten. Der von Sorgen niedergebeugte Mensch kann wieder zu einer mutigen Haltung finden, wenn er im Konkreten seines Lebens das Wirken des Ewigen entdeckt. Aufrecht, den Blick offen für neue Möglichkeiten, darf er sagen: «Ich eile voran auf dem Weg, denn du machst mein Herz weit.»

Sr. Tamara Steiner, Kloster Baldegg

 

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