Ausgabe 21-22, 23. Mai bis 5. Juni 2010

Psalm 37 

Werde nicht unmutig ob den Bösewichtern, ereifere dich nicht über die, so unrecht tun.
Denn flugs wie Gras werden sie abgemäht, und wie grünes Kraut verdorren sie.
Vertraue dem Ewigen und tue Gutes, wohne im Lande und pflege Treue.
Und habe deine Lust am Ewigen, und er wird dir geben deines Herzens Wünsche.
Befiehl dem Ewigen deinen Weg, und vertraue ihm und er wird es vollbringen.
Ergib dich dem Ewigen und harre sein, werde nicht unmutig, ob dem Glücklichen, 
ob dem Manne, der seine Entwürfe ausführt.

Lass ab vom Zorne und gib auf den Grimm, werde nicht unmutig, nur zum Bösen ist es.
Ich sah einen trotzigen Frevler, der sich spreizte wie ein belaubter, tiefwurzelnder Baum.
Und ging man vorbei, siehe da, er war nicht mehr, und ich suchte ihn, und er war nicht zu finden.
Beobachte den Unschuldigen und sieh auf den Redlichen; denn eine Zukunft hat der Mann des Friedens.

Übersetzung von Leopold Zunz


Auf unsere Antwort kommt es an

Wenn uns jemand verleumdet, unsere Worte mutwillig verdreht, unsere Fähigkeiten missachtet, uns schlechte Motive unterstellt, wenn wir Unrecht erleiden, fühlen wir einen dumpfen Schmerz. Auch Ärger, Wut, vielleicht sogar Zorn stellen sich ein. Sie drücken aus, dass wir uns in solchen Situationen ohnmächtig fühlen, ausgeliefert an Mechanismen, die wir nur unzureichend oder gar nicht beeinflussen können. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass unser Anteil an einem solchen Geschehen allein in einem passiven Erleiden des Unrechts besteht. Jede Ungerechtigkeit, die uns betrifft, fordert uns heraus. Wir sollen innerlich Stellung beziehen zu ihr, eine Antwort finden auf das uns Angetane. Das könnte zum Beispiel heissen, dass wir uns Luft machen, unsern Frust herausschreien, oder aber uns ins eigene Schneckenhaus zurückziehen, weil wir mit der Welt und ihrer Schlechtigkeit nichts mehr zu tun haben möchten.

Psalm 37,35 malt ein wunderbares Bild des Frevlers, also eines Menschen, der bewusst ohne den Ewigen durchs Leben geht, auf Böses sinnt und es in die Tat umsetzt. Breit­beinig steht er da, ja geradezu protzig, so als könnte ihm nichts und niemand etwas anhaben oder als würde sich die Welt ewig nach ihm richten. Unbesiegbar scheint er. Und Psalm 37 weiss um die ersten Reaktionen eines Menschen, dem Unrecht geschieht. Voller Grimm, Zorn und Unmut kann er sich ereifern.

Doch darum geht es dem biblischen Autor nicht. Auf die Antwort kommt es ihm an, die ein Unrecht uns abverlangt. Ärger, Zorn oder Unmut sind aus Sicht des Psalmes keine letztgültigen Antworten, auch wenn sie menschlich verständlich und naheliegend sind. Erst ein totaler Richtungswechsel gegenüber dem Erlittenen garantiert dem Leben gegenüber bleibende Qualität. So fordert uns der Psalmist auf, den inneren Blick vom Schmerz zu lösen und ihn auf Menschen zu lenken, die uns durch ihr Tun Vorbild sein können. Genau beobachten sollen wir sie. Unser Vertrauen sollen wir am Ewigen festmachen und dabei geduldig bleiben. Denn sein Handeln bleibt nicht ohne Wirkung. Ja, der Autor geht soweit, uns zu empfehlen: «Habe deine Lust am Ewigen» (37,4).

Doch, wie schwer fällt es uns, im Alltäglichen diese vom Psalm empfohlene Antwort zu leben! Manch eine psychologische Schule, auch eigene Überlegungen reden uns ein: Lass dir von andern nichts gefallen, schon gar kein Unrecht, setz dich zur Wehr, behaupte dich, sonst bist du der/die Dumme. 

Der Psalmist spricht eine ganz andere Sprache. Er ermutigt uns, innere Grösse zu zeigen, uns den positiven Seiten des Lebens zuzuwenden und eine lustvolle (hebräisch: eine durch Ergötzen und Freude geprägte) Beziehung zum Ewigen zu gestalten. So kann es uns gelingen, auf ein erlittenes Unrecht eine eigenständige, ja souverän unabhängige Antwort zu leben und uns von der Beziehung zum Ewigen und seinen Massstäben her zu definieren. Ist das nicht eine schier unmensch­liche Anforderung? Der Psalmist traut sie uns zu und mehr noch, er verheisst uns ihre Langzeitwirkung, wenn er sagt: «Denn eine Zukunft hat der Mensch des Friedens.»

Sr. Tamara Steiner, Kloster Baldegg


 

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