Ausgabe 11, 14. bis 20. März 2010

Psalm 72,7

Gerechtigkeit blühe auf in seinen Tagen
und grosser Friede,
bis der Mond nicht mehr da ist.


Der Ewige lässt Menschen aufblühen

Die Erde kann nicht sparsam blühen. Geradezu verschwenderische Fülle zeichnet jedes Blühen aus. Tausende von Blüten verwandeln einen Kirschbaum in einen natürlichen Leuchter, und das zarte Gelb der Zaubernuss kleidet die nackten Zweige in strahlende Lichter. Blühen hält sich scheinbar an keine Bedingungen, ist keinen Forderungen unterstellt. Kälte und Eis gelingt es zwar, den Knospen eine Wartezeit aufzuzwingen, doch die ersten warmen Sonnenstrahlen lassen sie noch viel schneller aufspringen. Die Natur kann auf Blühen nicht verzichten, will sie der Erde Früchte schenken. 

Die ersten Beter und Beterinnen von Psalm 72 kannten ein besonderes Blütenwunder. Ein einziger Regenguss vermag die ausgetrockneten und kahlen Böden, Stauden und Bäume in Israel innert Stunden in ein Blütenmeer zu verwandeln. Was am Vortag noch ausgedorrt schien, trägt innert Stunden Blüten, Farben und Kraft, auch Hoffnung und Leben.

Ausgerechnet das Bild des Blühens wählt der Psalmist, wenn er von Gerechtigkeit und Frieden spricht. Er hoffte auf Fülle und erlebte in seinem Umfeld wohl nur spärliche Spuren von beidem. Ein Bild der Hoffnung malt er, wie sie die Welt nicht zu geben vermag. Überfülle und verschwenderische Grosszügigkeit stellt er als lockendes Ziel vor das innere Auge der Betenden. Wie es in der Natur liegt, Pflanzen auch unter misslichsten Bedingungen dem Blühen zuzuführen, so traut der Psalmist seinem Gott zu, den Menschen Gerechtigkeit und Frieden in einem ungeahnt vollen Mass zu schenken.

Was jedoch versteht der orientalische Beter unter «Gerechtigkeit»? Die verschiedenen Bedeutungen, die das hebräische Wort umfasst, setzen es nicht nur damit gleich, jedem das ihm Zustehende zu gewähren und dies allenfalls mit Recht und Gesetz durchzuset­zen, sondern im Hebräischen bedeutet «einem Menschen gerecht werden» soviel wie «ihn seinen höchsten Möglichkeiten zuführen».

Ebenso umfasst «Friede» in der biblischen Sprache weit mehr als das Fehlen von Krieg. Ein biblisches Bild des Friedens zeigt den alttestamentlichen Menschen, wie er unter seinem Weinstock sitzt. Der Weinstock steht für Jahre, in denen die Erde bebaut werden kann, genug Wasser vorhanden ist, keine wilden Tiere Boden und Früchte zerstören, eine Ernte möglich wird und Menschen ruhen können, ohne Gefahren befürchten zu müssen. Ein umfassendes Wohlergehen des Menschen wird also mit Frieden gleichgesetzt. 

Wenn es im Text heisst: «Gerechtigkeit blühe auf und grosser Friede», dann gleicht dieser Satz in der Ursprache einer geballten Kraft. Wie eine Knospe unmittelbar vor ihrem Aufbrechen, so sieht der Psalmist seine Welt beim Anbrechen von Gerechtigkeit und Friede. Der Ewige garantiert dafür, dass  nicht kärgliche Zerrbilder einer gleichmacherischen Gerechtigkeit und eines an Bedingungen geknüpften Friedens entstehen, sondern unvorstellbare neue Zeiten anbrechen, so als würde auch bei uns heutigen Menschen ein Regen die leblose Wüste in ein Blütenmeer verwandeln.

Sr. Tamara Steiner, Kloster Baldegg


 

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