Ausgabe 48, 25. November bis 1. Dezember 2017

Schlichtes Äusseres, spannender Inhalt: Christine Christ schildert die Jahre vor der eigentlichen  Reformation in Basel. (Foto: Regula Vogt-Kohler)Schlichtes Äusseres, spannender Inhalt: Christine Christ schildert die Jahre vor der eigentlichen Reformation in Basel. (Foto: Regula Vogt-Kohler)

Evangelische Einheitskirche statt Glaubensfreiheit

Das Buch «Glaubensgewissheit und Gewissensfreiheit» beleuchtet die frühe Reformationszeit in Basel

Jeder soll nach seinem Gewissen entscheiden. Dies empfahl 1524 der Humanist Erasmus von Rotterdam in einem Gutachten, um das ihn der Basler Rat im Konflikt mit der reformatorischen Bewegung gebeten hatte. Nach jahrelangem Ringen siegten 1529 die Zünftler und ihr Ruf nach einer evangelischen Einheitskirche.

Das Buch, das die Historikerin Christine Christ-von Wedel der Stadt Basel gewidmet hat, beginnt mit der Ankunft von Ökolampad in Basel. Der spätere Kopf der Basler Reformation kommt am 21. September 1515 in eine Stadt, in der schon seit Langem ein Machtkampf mit Kirche und Bischof im Gange ist, und die Handwerkerzünfte mehr und mehr politische Mitsprache fordern. Die sozialen und politischen Veränderungen seien für die reformatorische Bewegung von grösster Bedeutung, betont Christ.

Aufgeheizte Stimmung
Entscheidend für den Durchbruch der Reformation war, dass sich die Reformatoren mit den Handwerkerzünften verbündeten. Die Politik des Rates hingegen war auf eine gegenseitige Duldung der verschiedenen Glaubensrichtungen ausgerichtet. Basis für diese Haltung war die Forderung des Humanisten Erasmus von Rotterdam nach Gewissensfreiheit. Erasmus erhob diese Forderung in einem Gutachten, um das ihn der Basler Rat gebeten hatte. Ökolampad, der 1518 Basel verlassen hatte, kam Ende 1522 als Anhänger der Reformation zurück. Die Stadt war aufgewühlt, die Stimmung aufgeheizt. Das Buch beschreibt dies bei aller Wissenschaftlichkeit anschaulich: Aufrührerische Predigten und Flugblätter hatten die Bürger gespalten, Draufgänger sorgten mit Verstössen gegen die Fastengebote für Aufsehen. Ökolampad erhielt eine Theologieprofessur an der Basler Uni und stieg zum theologischen Anführer der kirchlichen Reformpartei auf.

Jeden seinem Gewissen überlassen
1524 hatte der Basler Rat noch immer nicht über die Glaubensfrage entschieden, doch der Druck war gestiegen. Der Kaiser und die Tagsatzung drängten den Rat, Stellung zu beziehen zur Reformation in Zürich. In dieser schwierigen Situation wandte sich der Rat an Erasmus. 

«Hier würde ich jeden seinem Gewissen überlassen und niemanden behelligen, es sei denn, er handle aufrührerisch und rufe andere dazu auf, allgemeine Sitte und Rechtsbrauch zu verachten», heisst es im Gutachten zur Frage des Umgangs mit Fastenregeln. Christ formuliert es so: «Der Rat solle also das, was heute Gewissensfreiheit genannt wird, garantieren, so Erasmus in seinem Gutachten zu einer Zeit, in der andernorts die Scheiterhaufen brannten.» Er habe nicht einfach wohlfeil vom Gewissen gesprochen, schreibt Christ mit Nachdruck, sondern es sei ihm tatsächlich um jene Gewissensfreiheit gegangen, wie sie sich erst im Zuge der Aufklärung durchsetzen sollte. Dies habe er auch an anderen Stellen deutlich gemacht.

Sich auf das Gewissen zu berufen sei im 16. Jahrhundert längst eine Selbstverständlichkeit gewesen, meint Christ zum Ruf Luthers als grosser Befreier des Gewissens. Bereits Abaelard habe im 12. Jahrhundert erklärt, gegen das Gewissen zu handeln, sei Sünde. Die Scholastik verwendete zwei Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung. Unter «synteresis» verstanden die Scholastiker ein allen Menschen gemeinsames Wissen um Gut und Böse, unter conscientia eine Willenskraft, die den Menschen zu seinen Handlungen anleite. 

Luther engte allerdings den Begriff des Gewissens auf eine einzige Bedeutung ein. Das Gewissen habe keine Kraft zu handeln, es sei eine Fähigkeit zu richten. Erasmus hingegen ging von einer weiten Bedeutung aus und löste die Frage nach Ursprung und Formbarkeit des Gewissens so: Das Gewissen als eine richterliche Instanz sei allen Menschen geschenkt, aber, was es als gut oder böse beurteile, hänge von Zeit und Umständen ab. 

Als Folge des Gutachtens von Erasmus lockerte der Rat die Fastengebote und machte sich die Forderung nach Gewissenfreiheit zu eigen. 1526 fällt mit einem Tagsatzungsbeschluss ein Entscheid auf eidgenössischer Ebene. Es siegt der Glaubenszwang, doch der Basler Rat hält an seiner Position fest. Im September 1527 sorgte er mit einem Mandat zur Messe für Empörung. Auch ein erster Bildersturm an Ostern 1528 bringt den Rat nicht ins Wanken. Mit einer Eingabe der Zünfte am 23. Dezember 1528 spitzt sich die Situation weiter zu. Nach Verhandlungen mit Mediatoren der Eidgenossenschaft ergeht am 5. Januar 1529 ein Ratsmandat, mit dem jedoch beide Seiten unzufrieden sind. Mit dem grossen Bildersturm an der Fasnacht 1529 kippt dann die Waage endgültig in Richtung Reformation.

Neue Kirche unter Diktat des neuen Rates
Das Ergebnis schildert Christ so: «Die Evangelischen konnten nun ungehemmt ihre neue Kirche aufbauen und ihren Glauben durchsetzen. Aber sie mussten das neue Kirchenwesen unter dem Diktat des neuen Rates errichten.» Die Auseinandersetzung mit den Täufern brachte das Ende der humanistischen Offenheit. Nun begannen Ökolampad und seine Mitstreiter eine lehrmässig festgelegte Dogmatik zu entwickeln. In der Abwehr der täuferischen Wortgebundenheit hätten sich die Reformatoren an den Grundsatz erinnert, dass sich alle Gebote dem Liebesgebot unterzuordnen hätten. Sie hätten diese Ansätze aber nicht genutzt, um Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben, hält Christ fest. 

Regula Vogt-Kohler

Christine Christ-von Wedel: Glaubensgewissheit und Gewissensfreiheit. Die frühe Reformationszeit in Basel (2017, Colmena Verlag)

 

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