Ausgabe 45, 4. bis 10. November 2017

Bahnhofshalle Basel SBB: Im statistischen Durchschnitt der Nordwestschweiz wären etwa 6,4 Prozent der Passanten Muslime – wer kann für sie sprechen? (Foto: Christian von Arx)Bahnhofshalle Basel SBB: Im statistischen Durchschnitt der Nordwestschweiz wären etwa 6,4 Prozent der Passanten Muslime – wer kann für sie sprechen? (Foto: Christian von Arx)

Wer spricht für den Islam in der Schweiz?

Podium an der Universität Bern machte die Vielfalt der muslimischen Gemeinschaften deutlich

«Autoritäten» und «Influenzer» prägen das Bild des Schweizer Islam. Die Muslime müssen sich erst selbst finden und ihre innermuslimischen Grabenkämpfe beenden, bevor sie gesellschaftlich wirken könnten: So das Fazit eines Podiums an der Universität Bern.

Zur Gesprächsrunde eingeladen hatten Soziologen, Islamforscher, das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft, Religionswissenschaftler und die Schweizerische Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen. Drei Impulsreferate führten in das Thema ein. Der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti machte deutlich, dass muslimische Jugendliche in der Schweiz bei ihrer Suche nach «Autoritäten» nicht auf eine bestimmte Person fixiert seien. Auffällige Konvertiten wie der Deutsche Pierre Vogel oder der Schweizer Qassim Illi, die aus den Medien bekannt sind, gehörten im Internet zwar zu den ersten Anlaufstellen. Ihre Haltung werde aber sehr schnell hinterfragt. Wichtige Informationsquellen seien zum Beispiel «Blogs».

Beim direkten Kontakt spiele aufgrund seines Amtes der «Iman» eine wichtige Rolle, aber auch seine Frau. Tunger erklärte, dass in der Schweiz nicht einzelne Personen das Sprachrohr des Islam sein könnten. Diese Rolle komme eher Sprechern von breit abgestützten muslimischen Organisationen oder Dachverbänden zu, «welche die interne Vielfalt der Organisation aushalten». Die Medien sollten sich bei der Darstellung des Islams nicht auf einige auffällige Personen stützen, sondern dieser Vielfalt des Islams Rechnung tragen.

Spezielle Situation der Konvertitinnen
Auf die spezielle Situation der Frauen und von Konvertitinnen ging Petra Bleisch von der Pädagogischen Hochschule Freiburg ein. Musliminnen würden wenig lesen und seien durch ihre Rolle als Mutter und Hausfrau doppelt belastet. Für sie seien die Imame und Scheichs, also Männer, die im gesellschaftlichen Leben eine bestimmte Stellung einnehmen, wichtige Ansprechpersonen. Konvertitinnen würden sich aufgrund ihrer eigenen Tradition und des Einflusses der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, gern an «erfahrene Konvertitinnen» wenden und aus deren Erfahrungen im Zusammengehen von Islam und hiesiger Gesellschaft lernen.

Im dritten Impulsreferat warnte der Freiburger Islam-Experte Hansjörg Schmid davor, den Islam in Schablonen zu sehen. Es sei zu einfach, von «Hasspredigern» zu reden und ihnen als positive Beispiele «Brückenbauer» oder «Super»-Imame gegenüber zu stellen. Die Medien könnten einen Imam zudem «überfrachten». Auf einen Imam kämen so viele Aufgaben zu, dass er diese selber nicht lösen könne. Er sitze an einer Schnittstelle und sei gleichzeitig der Kritik vor allem von «Frauen und Jugend» ausgesetzt.

Ein Podium mit Zündstoff
Für die Podiumsdiskussion hatten die Organisatoren der Veranstaltung eine explosive Mischung zusammengestellt. Neben dem Imam der albanischen Moschee in Wil SG, Bekim Alimi, sassen die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Amira Hafner-Al Jabaji und die Buchautorin Jasmin El-Sonbati , Mitbegründerin der Offenen Moschee Schweiz.

Auf einen wunden Punkt legte Jasmin El-Sonbati ihren Finger, indem sie sagte: «Wir Muslime (in der Schweiz, die Red.) kommen nie zusammen.» In der hiesigen muslimischen Gemeinschaft gebe es aufgrund der Vielfalt der muslimischen Glaubensrichtungen viele offene Fragen. Die Differenzbereinigungen «müssen die Muslime selber leisten» erklärte die SRF-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji. Sie verglich die Situation der Muslime mit den Juden. Orthodoxe Juden würden liberale jüdische Gemeinschaften auch heute nicht anerkennen.

Die Einbindung der Frauen und Jugendlichen war ein wichtiger Diskussionspunkt. Der Islam sei sowohl für Frauen wie für Jugendliche eine «hochdynamische Angelegenheit», so Amira Hafner-Al Jabaji. Die Jugend sei nicht daran interessiert, strikte Regeln zu befolgen, sondern wie die jungen Christen in der Schweiz auf der Suche. Ein Imam müsse nicht «für» die Muslime reden, sondern «zu» ihnen. Im Schweizer Islam wüchsen andere «Influenzer» heran, darunter Konvertiten und Frauen.

Viel Erfahrung mit den Behörden hat der Imam der Wiler Moschee, Bekim Alimi. Als er in die Schweiz kam, gab es hier wenig Muslime. Es habe sich gezeigt, dass die Behörden nicht auf diese «grosse Masse» vorbereitet waren, wie sie heute in der Schweiz lebt. Imam Alimi machte klar, dass er nur für die Organisationen sprechen könne, die er vertrete.

Andere Massstäbe als für Landeskirchen
Ist der nächste Schritt die öffentlich-rechtliche Anerkennung? Martin Koelbing, Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten im Kanton Bern, erachtet eine Anerkennung als ungeschickt. Denn man könne die Massstäbe, welche für die öffentlich-rechtlichen Landeskirchen, die eine lange Tradition in der Schweiz kennen, nicht einfach für die «jungen muslimischen Gemeinschaften» verwenden. Bern wolle diese Gemeinschaften nicht kontrollieren, sondern erst einmal «wahrnehmen». Neben den Medien suchen also auch die Behörden nach jenen Personen und Organisationen, welche für den Schweizer Islam massgebend sind.

Georges Scherrer, kath.ch

 

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