Ausgabe 8-9, 18. Februar bis 3. März 2017

Mit dem demografischen Wandel nimmt der Bedarf an Betreuung zu. Care-Arbeit ist aber schlecht oder gar nicht bezahlt. (Foto: Karl-Heinz Laube/pixelio.de)Mit dem demografischen Wandel nimmt der Bedarf an Betreuung zu. Care-Arbeit ist aber schlecht oder gar nicht bezahlt. (Foto: Karl-Heinz Laube/pixelio.de)

Arbeit muss vor Armut schützen

Caritas-Forum vom 27. Januar und Sozialalmanach 2017 zum Thema «Recht auf Arbeit»

Die Schweiz ist eine Arbeitsgesellschaft. Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt stellen den Konsens, dass Arbeit vor Armut schützt, in Frage. Das Hilfswerk Caritas fordert existenzsichernde Löhne, Ausbildungsstipendien, ein Obligatorium für Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Familien und Beruf.

Grosse Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt erschüttern das in der bürgerlichen Tradition der Schweiz begründete Selbstverständnis, dass Arbeit ein Garant gegen Armut ist. Der wirtschaftliche Wandel öffnet Märkte und Gesellschaften und begünstigt einen globalen Wettbewerb – mit der Konsequenz, dass ganze Arbeitsbereiche verlagert werden. Der technologische Fortschritt beschleunigt einen Strukturwandel, der neue Arbeitsbereiche schafft, zugleich aber viele Arbeitsplätze, gerade jene mit niedrigen und mittleren Qualifikationsanforderungen, überflüssig macht. Der demografische Wandel bewirkt einen Fachkräftemangel, der mit den freigesetzten Arbeitskapazitäten der Verlierer des wirtschaftlichen und technologischen Wandels nicht zu decken ist. Und der demografische und der soziale Wandel zusammen begünstigen einen wachsenden Arbeitsbereich, der an der Grenze zwischen unbezahlter, unversicherter Tätigkeit und schlecht bezahlter, wenig abgesicherter Erwerbsarbeit verharrt: die Care-Arbeit.

Das Missverhältnis zwischen den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und jenen des Systems der sozialen Sicherheit spiegelt sich in nüchternen Zahlen. In der Schweiz hat sich die Lage der Armutsbetroffenen und Armutsgefährdeten verschärft. 530 000 Menschen in der Schweiz gelten als arm. Die Zahl der Erwerbslosen erreichte den Höchstwert seit 2010, ebenso die Zahl der Ausgesteuerten, also jener Menschen, die das Recht auf Arbeitslosenunterstützung verloren haben.
123 000 Menschen arbeiten zwar, können aber von ihrem Einkommen ihre Existenz nicht sichern und gelten als Working Poor. Sie sind im Niedriglohnbereich tätig, wo vielerorts noch keine Gesamtarbeitsverträge bestehen, haben befristete Arbeitsverträge, arbeiten zu atypischen Zeiten oder unfreiwillig Teilzeit. Unter diesen Bedingungen kämpfen viele von ihnen nicht nur mit finanzieller Armut, sondern auch mit sozialer Isolation.

Damit die Arbeit wieder ihre existenzsichernde wie sozial integrative Aufgabe erfüllen kann, sind folgende Akteure und Politikbereiche gefordert:

Unternehmen: Faire Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Verantwortung
Unternehmen haben als wichtige gesellschaftliche Akteure Verantwortung zu übernehmen für zukunftsfähige Arbeitsbedingungen. Dies beinhaltet existenzsichernde Löhne sowie Arbeitsmodelle, die es Männern und Frauen erlauben, Familie und Beruf zu vereinbaren. Ein Obligatorium im Weiterbildungsgesetz sollte sicherstellen, dass Unternehmen alle ihre Mitarbeitenden weiterbilden.

Berufsabschluss für alle Jugendlichen
Die Jugendarbeitslosigkeit betrug im Jahr 2015 im Durchschnitt 3,3 Prozent. Darum ist für die Zukunft der Jugendlichen die Sicherung einer beruflichen Ausbildung nach der obligatorischen Schulzeit zentral. Dazu gehören Investitionen in Intensivsprachkurse, Brückenangebote sowie existenzsichernde Stipendien während der Ausbildungszeit.

Aus- und Nachholbildung für Erwachsene
In der Schweiz verfügen 400 000 Personen im Alter von 25 bis 54 Jahren über keinen nachobligatorischen Abschluss. Nachholende Ausbildung ist selten auf Erwachsene ausgerichtet. Hier würden existenzsichernde Stipendien für Erwachsene und vereinfachte Verfahren zur Diplomanerkennung eine Veränderung bewirken.

Vereinbarung von Beruf und Familie
Mit der älter werdenden Bevölkerung und der erhöhten Erwerbstätigkeit von Frauen wird die Frage nach der Betreuungs- und Versorgungsarbeit immer wichtiger. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern, müssen Bund, Kantone und Gemeinden preisgünstige, zeitlich flexible und erreichbare Angebote der familienexternen Betreuung bereitstellen.

Recht auf Arbeit für Asylsuchende, Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene
Die Beschäftigungsquoten von vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlingen liegen auch nach mehrjährigem Aufenthalt in der Schweiz bei lediglich 25 bis 35 Prozent. Es braucht dringend Intensivsprachkurse, eine vereinfachte Anerkennung ihrer beruflichen Erfahrungen, Qualifizierungsprogramme sowie Unterstützung bei der Suche nach einer beruflichen Tätigkeit.

Iwona Swietlik, Leiterin Fachstelle Bildung bei Caritas Schweiz

VOLLBESCHÄFTIGUNG

«Ein Recht auf Arbeit wird immer wichtiger, weil nur wenige westliche Gesellschaften in der Lage sind, Vollbeschäftigung auf anderem Wege herzustellen.» So eröffnete Heiner Flassbeck, ehemaliger Chef-Ökonom der UNCTAD, sein Referat am Caritas-Forum 2017. Vollbeschäftigung sei die Voraussetzung für eine Verteilung der Einkommen, die allen die Partizipation am gesellschaftlichen Erfolg erlaube. Ueli Mäder, eremitierter Professor für Soziologie an der Uni Basel, betonte, dass es bei Vollbeschäftigung nicht um Arbeit um jeden Preis, sondern auch die Schaffung von gesellschaftlich sinnvoller Arbeit gehe. kh

 

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