Ausgabe 30-32, 21. Juli bis 10. August 2018

Das Kreuz mit dem Psalm

«Nicht nur die englische Mannschaft stimmte ‹God save our gracious Queen› an», berichtete eine Zeitung vom Tag des WM-Halbfinals aus England. Auch auf der Insel, in jedem Pub, hätten die Fans das Lied angestimmt. «Dort wurde die Nationalhymne – Hände auf den Herzen – nicht gesungen, sondern mit einer Inbrunst gebrüllt, die einem Schauer über den Rücken laufen liess und daran erinnerte, wie fein die Linie zwischen Patriotismus und Nationalismus ist.»

Können Sie sich vorstellen, dass Schweizer Fans das Lied «Trittst im Morgenrot daher» mit vergleichbarer Inbrunst brüllen? Ich habe noch keine solche Szene erlebt. Es ist wohl unbestritten: Unsere Landeshymne reisst nicht mit, sie taugt nicht zum Brüllen. Die Melodie zieht mit angezogener Bremse dahin.

Und erst der Text! Als Jugendliche haben wir ihn verhunzt. Die spöttische oder auch böse Kritik ist immer wieder aufgeflammt, seit das Lied 1961 zur Landeshymne erklärt worden ist. Veraltet sei er, zeitgebunden. Das stimmt. Von frommer Seele und vom hehren Vaterland reden wir heute nicht mehr. Aber: Ist es nicht auch das Wetterleuchten aus einer anderen Zeit, das dem Lied seine Tiefendimension gibt? Als Widmer und Zwyssig den Schweizerpsalm unters Volk brachten, war der Bundesstaat noch nicht geschaffen. 1841 fiel in ­eine unsichere Zeit voller Ängste und Sorgen, aber auch grosser Hoffnungen und Tatkraft. Wir zehren noch heute davon.

Vorschläge für einen neuen, «politisch korrekten» Liedtext gibt es. Aber wünschen wir uns ein Lied, das nur in unserer – nicht weniger beschränkten! – Gegenwart verankert ist? Der heutige, aus manchen Mündern verlogene politische Grundkonsens begegnet uns im Alltag zur Genüge. Das Aufzählen schöner Begriffe macht keine Landeshymne. Es braucht einen Schuss Poesie.

Schwieriger ist die Sache mit Gott. Darf eine Landeshymne heute noch Gott anrufen – und welchen? Die Antworten werden individuell ausfallen. Mir scheint: Ein Staat, der einer höheren Macht Respekt zollt, wird sich eher an Grenzen halten und auch die Freiheit jener achten, die an einen anderen oder an keinen Gott glauben. Und: Der Schweizerpsalm «ahnt» Gott in unserem Land, missbraucht ihn aber nicht dazu, dieses Land grösser als andere zu machen.

Wir werden weiter nörgeln am Schweizerpsalm. Doch eine passendere Hymne für die Schweiz ist mir noch nicht begegnet. Lieber singe ich zu einem «menschenfreundlichen, liebenden» Gott, als dass ich brülle.

Christian von Arx

 

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