Ausgabe 46, 11. bis 17. November 2017

Heiliger Berg

Regula Vogt-Kohler

Wie vom Himmel gefallen sieht er aus, der riesige Klotz, der mitten in der australischen Savanne aufragt. Selbst wenn man den roten Felsen bereits auf vielen, ja zu vielen Fotos gesehen hat, ist sein Anblick in natura ein tief beeindruckendes Erlebnis. Kein Wunder haben die Aborigines, die Ureinwohner des fünften Kontinents, das Felsmassiv zur heiligen Stätte erklärt.

Sie haben ihm auch einen Namen gegeben: Uluru, Schattenplatz. Es ist eine schlichte Bezeichnung für einen heiligen Ort, aber in ihrer beschreibenden Einfachheit passend. Ganz im Unterschied zum Namen, unter welchem das steinerne Monument Weltbekanntheit erlangt hat. Als 1873 William Gosse als erster Europäer das markante Felsgebilde erblickte, nannte er es Ayers Rock, nach Sir Henry Ayers, dem Premierminister von Südaustralien.

Einen kolonialen Namen erhalten hat auch eine andere spektakuläre geologische Formation in der Nachbarschaft des Uluru. Ernest Giles, der die Felsengruppe 1872 sichtete, wählte als Dank für die Unterstützung durch das württembergische Königshaus den Vornamen der Königin: Olga. In der Sprache der Ureinwohner heissen die Olgas hingegen ebenso simpel wie präzise «Kata Tjuta», viele Köpfe. Die Kata Tjuta sind wie der Uluru aus dem Erosionsschutt eines einst gewaltigen Gebirges entstanden.

Giles, der «Entdecker» der Olgas, soll es gewesen sein, der als erster den Uluru bestiegen hat. Das war lange, bevor der Ayers Rock zum touristischen Magneten wurde. Viele Jahrzehnte mussten die Ureinwohner es hinnehmen, dass Menschen aus aller Welt sich über ihre Bitte, den heiligen Berg nicht zu besteigen, hinwegsetzten. Gründe, den Uluru nicht zu erklimmen, gibt es viele. Die Anangu, die traditionellen Landeigentümer des Uluru-Kata-Tjuta-Nationalparks, nennen neben der spirituellen Bedeutung des Felsens und der Sicherheit auch ökologische Argumente. Das Fehlen von sanitären Einrichtungen hat zur Folge, dass bei Regen die Hinterlassenschaften der Besucher in die Wasserlöcher am Fuss des Felsens gespült werden.

Bereits jetzt ist der Uluru zuweilen geschlossen, wenn es zu heiss, zu windig oder zu nass ist oder auch aus kulturellen Gründen. Ab
26. Oktober 2019 ist der heilige Berg für Klettertouren endgültig gesperrt. Dies hat das Leitungsgremium, das den Nationalpark verwaltet, beschlossen. Die Schliessung ist ein Gewinn für alle: Um die Grossartigkeit des Uluru zu erfahren, muss man ihn nicht bestiegen haben.

Regula Vogt-Kohler

 

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