Ausgabe 21, 20. bis 26. Mai 2017

Blühende Kirschbäume und Nebelschwaden: Die Bevölkerung von Bretzwil schreitet die Gemeindegrenze ab. (Foto: Franz Schweizer/ zVg Baselland Tourismus) Blühende Kirschbäume und Nebelschwaden: Die Bevölkerung von Bretzwil schreitet die Gemeindegrenze ab. (Foto: Franz Schweizer/ zVg Baselland Tourismus)

Grenzsteinkontrolle statt Gottes Segen

Der Banntag hat die früheren Flurprozessionen fast vollständig verdrängt

In vielen Dörfern der Region wandert die Bevölkerung am Auffahrtstag der Gemeindegrenze entlang. Einst hat man die Grenzsteine kontrolliert, heute ist der Banntag zu einem Volksfest geworden. Noch früher war die Flurbegehung auch ein kirchlicher Anlass.

Es ist ein Weilchen her, seit um Auffahrt herum in verschiedenen Leimentaler Gemeinden kleinere Prozessionen «zur Erflehung des göttlichen Segens über die Feldfrüchte und Abwendung von Hagel und Misswachs» anberaumt wurden. Georg Sütterlin berichtet davon in der Arlesheimer Heimatkunde von 1910. Auch in anderen Gemeinden des Leimentals fanden solche Feldprozessionen statt. Allerdings ging es dabei nicht nur darum, um den göttlichen Segen für die wachsende Saat zu bitten. Man schaute bei dieser Gelegenheit auch grad noch, ob im zurückliegenden Jahr nicht ein frecher Nachbar die Grenzsteine um ein paar Meter zu seinen Gunsten versetzt hatte. Dies soll immer wieder vorgekommen sein, vor allem im Mittelalter. Erste Dokumente von Bannumgängen und -umritten sowie Flurprozessionen stammen denn auch aus dem 10. Jahrhundert.

Mit der Reformation verschwand die Doppelfunktion des Bannumgangs. In den Gebieten, die sich dem neuen Glauben zuwandten, verboten die Obrigkeiten die Flursegnung. Am alten Brauch der Auffahrtsspaziergänge hielt man zwar fest, aber sie galten nur noch der Kontrolle der Grenzen. Die Bannumgänge zu Fuss oder manchenorts auch zu Pferd wurden zu Volksfesten, an denen zunehmend den heiteren Dingen des Lebens zugesprochen wurde, dem Gesang, dem Tanz, dem Essen und Trinken. Es liegen Berichte aus früheren Jahrzehnten vor, in denen Pfarrer, Schulmeister und andere gestrenge Personen sich wenig erbaut darüber zeigten, wie sich das gemeine Volk den Lustbarkeiten hingab. Heute sind die Banntage in den meisten Dörfern Familienanlässe, ausser in Liestal und Sissach, wo der Banntag Männersache ist.

Bitt- und Kreuzwochen
In den bischöflichen Gemeinden des Leimentals aber entwickelte sich der Banntag anders. Die Grenzkontrolle trat nach der Reformation in den Hintergrund, die Feldprozessionen wurden wichtiger. Während der ganzen Auffahrtswoche, die auch Bittwoche oder Kreuzwoche genannt wurde, wie der Volkskundler Eduard Strübin in seinem Buch «Jahresbrauch im Zeitenlauf» schreibt, zog ein Teil der Bevölkerung mit Kreuz und Fahne über die Felder, und zwar an mehreren Tagen hintereinander. Die Arlesheimer zum Beispiel wanderten am Montag nach Therwil, am Mittwoch nach Reinach, empfingen am Dienstag die Gläubigen aus anderen Gemeinden in der Domkirche, um Fruchtbarkeit und den Segen zu erbitten. Solche Prozessionen fanden auch in Aesch, Pfeffingen oder Oberwil statt und blieben bis 1968 erhalten. Heute sind sie grösstenteils nur noch Erinnerung – nicht überall allerdings. In Dittingen findet auch dieses Jahr am Auffahrtstag eine Flurprozession statt.

Urs Buess

 

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